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Zerfall und Widerstand
Die neue Radikalität des Subjekts



Seit mehr als hundert Jahren gilt das Ich als unrettbar verloren. Nachdem Friedrich Nietzsche und Arthur Rimbaud den Gedanken in die Diskussion eingebracht hatten, dass das Ich keine feststehende Einheit, keine invariante Substanz ist, wurde der bürgerliche Subjektbegriff im modernen und avantgardistischen Diskurs zur Fiktion, verschwand zeitweise überhaupt aus dem kreativ-kritischen Prozess. Doch bei aller Radikalität positionierten sich die klassische Moderne und die großen Avantgarden in erster Linie gegen die Selbst-Gewissheiten und Selbst-Behauptungen des bürgerlich-idealistischen Subjektbegriffs. Die der Moderne verpflichteten Künstler und Theoretiker wollten das Ich erweitern und - in revolutionärer Zuspitzung - in eine andere Lebenspraxis überführen.

Bis in die späten sechziger Jahre ging es jedenfalls nicht um die ersatzlose Abschaffung des Subjekts, sondern um dessen Überführung in eine nichtidealistische und nichtbürgerliche Kategorie. Erst mit der Postmoderne wurde sein endgültiger Niedergang und Tod sowohl konstatiert als auch zynisch ausgerufen; in totaler Hilflosigkeit und Indifferenz schwebend blieb das Ich scheinbar zurück.
Aber seit den neunziger Jahren wird die Diskussion wieder kritischer geführt. Langsam wird deutlich, dass sich das Subjekt immer schon in einer prekären Situation befunden hat, dem Spiel von Instanzen und Machtkonstellationen ausgesetzt, von Auflösung und Zerfall stets bedroht. Demgegenüber kann das Ich in ständigem Interagieren mit dem Anderen, zwischen Selbstbehauptung und Selbstaufgabe oszillierend ein labiles Gleichgewicht erreichen, das auch als Chance zu begreifen ist.

In der Zwischenzeit sind allerdings zweifelhafte Allianzen zustande gekommen. In der Gentechnologie wird an der Schaffung des perfekt adaptierten, perfekt designten, ultimativ anpassungsfähigen Ich-Moduls gearbeitet. Oder auch nur fabuliert. Hypermodernisten träumen davon, das Bewusstsein "frei" zu instrumentalisieren, indem sie seinen wie auch immer gearteten neuronalen Code am liebsten auf eine Festplatte bannen würden. Und während Ideologien der flexiblen Selbstbestimmung medienwirksam angeboten und lukrativ verkauft werden, wird im Dienst einer reibungslosen Produktion zugleich alles unternommen, um sämtliche gesellschaftspolitischen Störfaktoren aus dem reibungslosen ökonomischen Funktionieren auszuschalten. Alles Subjektive soll als folkloristischer Reiz in die weltweite Effizienzmaschine eingebaut und damit domestiziert werden.
Ein neu radikalisiertes Subjekt wendet sich in dieser Situation gleichermaßen gegen die übermächtigen Zwänge der Vereinnahmung wie der zersetzenden Indifferenz. Neue künstlerische und theoretische Identitätsstrategien bringen ein gebrochenes, fragiles, gleichwohl (noch) widerstandsfähiges und kritisch-vitales Ich hervor. Eine "Zweite Moderne" kann zur Wirklichkeit werden.
Der steirische herbst 2001 gibt dieser künstlerischen und wissenschaftlichen Praxis Raum. Gegen die Zumutungen an das Ich. Gegen die Zwänge eines gnadenlos globalisierten Kapitalismus. Gegen die unbedachten Verheißungen der Biotechnologie. Gegen die Populismen jedes politischen Reduktionismus. Das Subjekt rebelliert.

Peter Oswald