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> Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen > Sonja Bachmann: Zum Stück


Zwei Menschen konfrontiert Händl Klaus in "Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen" mit dem alpinen Bergmassiv, mit seiner Größe und Ruhe, mit seinem Mythos und seiner Realität, seinen eisigen Gletschern und Toten und wirft sie so zurück auf ihre Sehnsüchte und Lebensrealität.
Sein erstes Theaterstück schrieb der Tiroler Schauspieler, Autor, Librettist, Film- und nun auch Theaterregisseur Händl Klaus für zwei Schauspieler: für Olivia Grigolli und Bruno Cathomas, die u. a. bereits in Christoph Marthalers "Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!", in Andreas Kriegenburgs "Othello"- und Stefan Bachmanns "Merlin"-Inszenierung zusammen zu sehen waren. Und das gemeinsame Spiel in dem Doppelmonolog "Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen" ist ein Spiel über Bande. Nur indirekt, nur über das Hören des Redens der Einzelnen, über die Alpen und den Tod, über den Rhythmus des Textes und die musikalische Variation von Themen, kommen sie für den Zuschauer miteinander ins Gespräch.
Olivia Grigolli und Bruno Cathomas reden, reden den Tod an, reden sich zum Tod hin. Zu einem Tod, der die Alpen meint und der dort zu finden ist. Doch reden sie noch, sind sie noch auf der Seite der Lebenden. Es ist kein Todesrausch, in den sie verfallen. Beide versuchen sie auf ihre Art, die Sehnsüchte nach dem Abwesenden zu erfüllen. Sie unternehmen verschiedene Anläufe, um letzten Endes darauf zu kommen, dass sich mit dem Tod oder dem Schweigen ihr eigenes, sehr persönliches Sehnen buchstäblich stillen lässt – der Tod bringt Ruhe, und nur im Schweigen ist man den Toten nahe, kann man mit ihnen kommunizieren. Es ist der Weg dorthin, ein Erkenntnisgewinn, den Händl die Frau und den Mann gehen lässt, und der ist mitunter stadtneurotisch, mythenbeladen, überspannt, komisch, naiv oder liebevoll. Denn der Autor beschreibt die Sehnsucht über die Tragikomik der realen
Situation und benutzt die burleske Form, um über das Defizitäre zu sprechen.

Ich muß euch unbedingt erreichen ! Alpen, ich ersehne euch ! Das ist mein ganzer Trost. Ich breche einmal auf und schlage meine Haken an der Wand. Einmal nimmt sie überhand, und flugs bin ich verschwunden. Ich bin ja schwindelfrei und fliege drum im Lot zu meinem zarten Echo. Hört ihr mich ? Ihr sagt ja nichts. Ich bin schon auf dem Sprung !

Abgeschieden von den Alpen und allein ist die Frau: Entfremdet von der Alpennatur, großstädtisch, voller Unruhe, quicklebendig und doch davon ermüdet, will sie sich "gleich aus dem Staub" machen, ist sie bereit und muss dringend zu den Alpen, die ihr Gesprächspartner sind. Sie wirbt um die Berge und Gletscher, und damit um deren ruhige Ferne, um die Erlösung von allem Quälenden und Gefährdenden, das die Nähe für sie bedeutet. Aus der Beengtheit entsteht ein sprachliches Anrennen gegen ihr Dasein, aber auch eines gegen das Gebirge. Und so kommt man nicht weiter, immer aussichtsloser erscheint ihr das Unterfangen, die Erfüllung des Verlangens durch ein Herbeireden des ersehnten Zustands und Objekts herbeizuführen.
Die Alpen kommen nicht, und durch das Sprechen rückt die Stille in immer weitere Entfernung, durch die verbale Aufgekratztheit stellt sich das friedvolle Schweigen nicht ein. Ein Kampf wird geführt, bis sie erkennt, dass das Aufgeben des Sprechens sie in die Nähe der Ruhe des Todes und dass der Tod sie in die Alpen bringt.

Was für ein stilles Glück, während die Sonne gemütlich verbrennt. Sie hat mit mir das Eis erreicht und dich darin und erst das Eis, dann dich erweicht, so wächst ein See heran, der sich auf halber Höhe staut. Es schmilzt ja überall, ich trage dazu bei. Ein lieblicher Gedanke, der mir keine Ruhe läßt ! Darf ich, wie ich bin, so zärtlich sein, dass dir ganz anders wird ? in diesem freundschaftlich schmelzenden Eis. Wärmen wir einander, kalter Freund.

Während die Frau ihre Sehnsucht imaginiert, ausspricht, auf die Alpen projiziert, macht sich ein Mann auf den Weg in die Alpen. Wie jeden Tag hat er "links und rechts im Kahlschlag kleine Tannen ausgeteilt", wie jeden Tag hat er geschwiegen und seine Arbeit getan. Doch dieses Mal ist er auf Menschen gestoßen, tot zwar, aber Menschen. Sie sprechen nicht, wie die Alpen auch nicht sprechen, aber sie sind da, wie die Alpen da sind.
Thomas Bernhard und Robert Walser verwandt, haben sich im Kopf des Manns Gedanken versammelt, sind sie formuliert worden. Eine allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Spazierengehen – das Laufen und die Einsamkeit haben vorbereitet, was im Kontakt mit den Lebenden nicht stattfinden kann und nun losbricht im Angesicht der toten Menschen. Zu ihnen entwickelt er eine Nähe, eine Fürsorge, eine Liebe und Wärme, entwickelt er eine Kommunikation, die mit antwortenden, widersprechenden und diskutierenden Menschen nicht möglich wäre. Und eine Komik der besonderen Art entsteht: Die Naivität, mit der ein Lebender die Toten umsorgt und damit glücklich ist, erweist sich als nicht lebbar und nicht realisierbar. Eine Erkenntnis setzt ein, die ihn in die Nähe der Toten rückt: Man muss Abschied nehmen, und der Rest ist Schweigen.

Bin schon still ! Es ist schon spät. Lebt alle wohl ! Die Dohlen holen sich den Rest. Zurück zu mir, ich muß zurück. Mich friert. Ist das ein Leben. Morgen geht die Sonne wieder auf.


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