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> Alle Jäger danke > Lorenz Kabas: Zum Stück


Es gibt immer was zu tun! Der Baumarkt ist der Kosmos, in dem wir zuversichtlich unsere Ich-Jagd beginnen können. Da ist alles vorhanden – en gros und en detail – es gilt nur noch, das Richtige auszuwählen, zusammenzustellen, zu verkabeln, verdübeln und anzuschließen. Da ist aber auch Vorsicht geboten, denn Nagel ist nicht gleich Nagel und Mutter nicht gleich Mutter. "Alle Jäger danke" ist ein theatralisches Experiment zum Verhältnis von Individuum und Öffentlichkeit, eine von hinten aufgezäumte Revue, angesiedelt zwischen der spielerischen Leichtigkeit der Marx Brothers und der fleischlichen Direktheit eines Paul McCarthy.
Der Abend beginnt mit dem Schlussapplaus. Das Stück hat gar nicht stattgefunden. Der Event nach dem Event – als der Eigentliche. Der Anlass, wo die Leerstelle öffentlicher Repräsentation so gekonnt mit Scheinbehauptungen und Privatismen besetzt werden kann.
Was bleibt als Gut für den Einzelnen nach der Vereinnahmung aller Güter durch den freien Markt? Ist im Baumarkt das Gegenständliche zurecht gezimmert, bleibt noch die Neuaufmöbelung der inneren Befindlichkeit. Think different? Das, was einfach alle machen? Da wird der Ich-Jäger plötzlich selbst zum Gejagten. Da tritt der Mensch erneut in die Revolte, entrollt Pamphlete und fordert auf Transparenten wieder Freiheit, Schönheit und einen schicken Unterstand. Oder läuft Amok. Wenn jemand ausrastet, können wir keine Verantwortung mehr übernehmen.
Am Schluss des Abends gibt’s Karaoke, denn die ist wahr und ehrlich. Was ich da singe, ist wirklich. Die Kopie ist echt. Vielleicht gipfelt ja alles in einem Lied, das jeden Abend neu erfunden wird, im Grunde aber immer schon in uns steckt, ein Lied aus Ich und Du und Welt und Liebe, aus Jetzt und Immer Danke.
Das Unvorhergesehene, vor allem aber das Unberechenbare: Schon das macht die Zusammenarbeit der als Improvisationskünstler renommierten Grazer SchauspielerInnen vom Theater im Bahnhof mit der Basler Truppe des an der internationalen "postdramatischen Avantgarde" geschulten Regisseurs Christoph Frick interessant. Im Auftrag des steirischen herbst begeben sich die beiden Ensembles mit dieser unkonventionellen Koproduktion auf ästhetisches Glatteis: Boulevardeske Komik trifft auf formale Strenge, politisch engagiertes Theater auf intellektuelle Reflexion, geordnetes Chaos auf chaotische Ordnung.
Schon seit ihrer ersten Produktion "Klara! – Ein Melodrama" (1991), die der Gruppe in der Folge den Namen verliehen hat, vermögen die Arbeiten des Schweizer Off-Ensembles immer wieder das Publikum zu polarisieren und – in dieser Hinsicht mit den Produktionen des Grazer Theaters im Bahnhof vergleichbar – gängige Beurteilungskriterien für Theater in Frage zu stellen. Die Aufführungen stoßen vielfach auf eindeutige Ablehnung und begeisterte Anerkennung. Für Christine Richard, der als Jurymitglied des Berliner Theatertreffens und des Mülheimer "stücke"-Festivals die deutschsprachige Theaterlandschaft bestens vertraut ist, zählt KLARA in der Schweiz zu den "besten, avanciertesten Truppen (...), voll auf der Höhe der Zeit".
In den jüngsten Arbeiten von KLARA ging es darum, für die menschlichen, oft widersprüchlichen Erfahrungen in unserer heutigen Gesellschaft einen möglichst direkten Ausdruck zu finden: für zunehmende Komplexität, Beschleunigung des Individuums und Übersichtsverlust auf kleinstem Raum: Man kann diese Stücke als moderne Sittenbilder verstehen: schnell, verstörend, verwunschen und komplex. "Wie derzeit kein zweites Theater", heißt es in einer Rezension der Basler Zeitung zur Produktion "Mehr Geld" (1999), "hält KLARA die diffuse Grundstimmung einer neoliberalen Gesellschaft, die Freiheit mit pluralistischer Beliebigkeit verwechselt: Alles wirkt total neu und offen – und zugleich beklemmend nichtig und unheimlich."
Ein wichtiger inhaltlicher Strang bei klara ist der Umgang mit Aufmerksamkeit, die in unserer Zeit wohl am stärksten umkämpfte Ressource. Wie verändern sich Menschen, denen die Medialisierung des Alltags normal, selbstverständlich geworden ist? Was sind die neuen Aufmerksamkeitsstrategien?
Wichtig bei allen Produktionen der Basler Gruppe ist der Live-Charakter. Regisseur Christoph Frick und sein Ensemble lieben das Theater, weil es, wie kein zweites Medium, Sprünge zwischen Fiktion und purer Präsenz ermöglicht. Und damit eine direkte Begegnung von SchauspielerInnen und Publikum. Immer wieder werden gängige Theatermuster unterlaufen. Komik entsteht bei den Produktionen häufig durch die Verbindung von Komplexität und Einfachheit. Wenn einfache menschliche Bedürfnisse sich aus Überforderung verzweifelt direkt äußern. "Da werden komplexeste Bezüge mit leichter Hand auf den Punkt gebracht", schreibt Alfred Schlienger in "Theater der Zeit" über "Gestörte Vorgesetzte" (2000), "und bleiben doch irritierend mehrschichtig, da öffnen sich hinter der Banalität menschliche Abgründe, es ist gleichzeitig zum Schreien komisch und gnadenlos traurig und wird so hinreißend gut gespielt, dass man das nie mehr vergisst."


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