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> Abenteuer in Sachen Haut > Olivier Ortolani: Die Vielfalt einer Stimme


"Ich erblickte das Licht der Welt in einem Haus in Glamorgan und wuchs inmitten der Schrecken des walisischen Tonfalls und des Rauches der Weißblechhaufen zu einem süßen Baby, einem altklugen Kind, einem aufmüpfigen Jungen und einem morbiden Jüngling heran." Als Dylan Thomas im Jahre 1933 diese Zeilen an seine Brieffreundin, die junge Dichterin Pamela Hansford Johnson schrieb, war er gerade mal 19 Jahre alt und befand sich in der wohl fruchtbarsten Periode seines poetischen Schaffens: Er konnte bereits auf nahezu 200 anerkannte Gedichte zurückblicken, die er innerhalb von drei Jahren geschrieben hatte.
Inzwischen war aus dem "Rimbaud vom Cwmdonkin Drive", wie er sich selbst gerne nannte, ein berühmter, aber auch berüchtigter Dichter geworden, der die (literarische) Öffentlichkeit immer wieder mit seinen obskuren, kompakten, bildhaft-überladenen Gedichten und seinem Leben als unsteter Bohemien und trunksüchtiger Rhapsode schockierte. Aus der Enge seiner Heimatstadt Swansea zog er nach London. Hier wurden seine ersten Bücher gedruckt, hier freundete er sich mit Dichtern und Künstlern an, hier konnte er das verrückt-verruchte Leben eines "poète maudit" führen, zu dem er sich selbst gerne stilisierte, hier begegnete er dem Surrealismus, hier lernte er seine Frau Caitlin kennen. Doch blieb die Großstadt ihm immer fremd, ja sie machte ihm sogar Angst, schien ihm als ein Ort des falschen, irregeleiteten Lebens. So auch New York, in dem er 39-jährig starb, nachdem er, wie er behautete, 18 Whiskys in anderthalb Stunden getrunken hatte. New York kam ihm vor wie ein einziger Albtraum, bei Tag und bei Nacht, wie "das letzte existierende Monument dieser wahnsinnigen Gier nach Macht, die ihre Bauten hoch zu den Sternen schießt & ihre Maschinen lauter und schneller dröhnen lässt als jemals zuvor und dafür sorgt, dass alles ungeheuer teuer ist & wo der Tod in jedem Kolbenhub und im Griff der großen Gelddirektoren gegenwärtig ist, der großen Tiere, der Multis, die man nie zu sehen bekommt". Doch in Amerika feierte er seine größten Triumphe, als Performer in eigener Sache vor ausverkauften Sälen und als Autor und Regisseur von "Unter dem Milchwald", seines berühmten "Textes für Stimmen". Schon zu Lebzeiten war Dylan Thomas ein Legende, und seine Nachwirkungen auf Kultfiguren der angelsächsischen Welt blieben denn auch nicht aus: Bob Dylan hat sich nach ihm benannt, auf dem Cover des Beatles-Albums "Sergeant Pepper" finden wir ihn …
Wenn die Sehnsucht nach einem anderen Leben, seine Brotarbeit (einmal reiste er sogar nach Persien, um ein Drehbuch für eine englische Ölgesellschaft zu schreiben), seine Flucht vor den Gläubigern, seine Melancholie ihn in die Welt hinaustrieben, so rief sein Schreiben ihn doch immer wieder nach Wales zurück. Nur im "grauen Land" von Wales, in der Abgeschiedenheit eines Fischer- oder Bootshauses schien Dylan Thomas wirklich zu sich selbst zu kommen und seine volle Produktivität entfalten zu können. Die Landschaft und ihre Leute waren ihm seit jeher der ideale Nährboden für seine Dichtung gewesen. Hier konnte er sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben, hier konnte er seine Erzählungen mit Kindheitserinnerungen und autobiographischem Material auffrischen, hier konnte er stundenlang an einem einzigen Vers feilen, hier konnte er sein Wortwerk mit bohrender Intensität betreiben, konnte umschreiben, verwerfen, wiederaufnehmen. Da das Schreiben für Dylan Thomas immer gelenkt war von einer großartigen Berherrschung der Form, sind seine Gedichte ihm nie lässig aus der Feder geflossen, sondern brauchten manchmal Jahre mühseliger Kleinstarbeit, um zu entstehen. So ist Thomas denn auch ein Dichter, der es seinen Lesern nicht leicht macht – seine Texte sind oft mit dunklen, kraftvollen, paradoxen Bildern aufgeladen, die Erfahrung bis aufs Äußerste verdichten und rhythmisieren, aus den Tiefen einer Art Vorbewusstsein kommen und ihre volle Pracht erst beim Sprechen entfalten. Der Dichter Lawrence Durell hat Dylan Thomas’ poetische Motivation treffend beschrieben, wenn er über ihn sagt: "Er wollte sich zu mehr Sensibilität und weniger Bewusstsein bringen".
Dylan Thomas hat so hartnäckig an seiner Dichtung gearbeitet, weil er an die Kraft der Sprache glaubte und in der Poesie einen Beitrag zur Wirklichkeit sah: "Die Welt ist nie mehr, was sie war, wenn man sie einmal um ein gutes Gedicht vermehrt hat. Ein gutes Gedicht hilft Form und Wissen des Weltalls verändern und hilft jedermanns Wissen um das eigene Ich und die Welt rundum verändern." Diese Dichtung konnte allerdings erst voll zum Klingen gebracht werden, wenn Thomas ihr auch seine Stimme verlieh. Dies tat er mit Begeisterung. Wo immer sich auch nur eine Gelegenheit bot, ob in Kneipen, in Theatern, im Rundfunk oder an amerikanischen Universitäten, rezitierte er seine Gedichte: inbrünstig, beschwörend, vehement, berauschend, als flösse eine Kraft durch ihn, die aus einer anderen, archaischen Zeit kommt.
Peter Carps Inszenierung versucht, Dylan Thomas’ Stimme wieder Gehör zu verschaffen. Einerseits dadurch, dass Originalaufnahmen von Thomas’ Vorträgen die Basis von Olga Neuwirths Komposition bilden. Andererseits dadurch, dass die Figuren der Schauspieler aus den verschiedenen Stimmen von Dylan Thomas entstehen. Es kam uns also darauf an, eine Vielfalt der Stimmen herzustellen, ein Stimmengewirr zu entfesseln, in dem der Zuschauer sich nicht verlieren soll, sondern vielmehr die Eigentümlichkeit von Dylan Thomas’ Welt wiederfinden soll. Eine Stimme hebt an, verebbt oder zieht sich ins Schweigen zurück, eine andere setzt ein, übertönt die erste, bricht ihrerseits ab, um von einer dritten verdrängt zu werden, wobei die erste wieder emporsteigt … Auf diese Art entstehen Figuren, die sich verdichten, auflösen, wieder auftauchen, in eine andere Figur übergehen.
"Abenteuer in Sachen Haut" ist auch etwas wie ein Familiendrama auf dem Theater, wobei die Identitäten der einzelnen Mitglieder nicht genau festgelegt sind und sich permanent verwischen und neu definieren. Immer wieder wird eine Welt vorgeführt, in der Menschen wie trostlose und verlorene Seelen zu leben scheinen und gleichzeitig mit ihren Mitmenschen durch unsichtbare und unauflösbare Bande verknüpft sind. Doch dann fangen diese Gestalten an zu sprechen, und auf einmal treten sie aus ihrem Schattendasein heraus, die Sprache durchpulst sie und lässt sie wieder aufleben und aufblühen. Mittels der Sprache erfinden sie sich und die Welt neu, sie schafft ihnen Bewusstsein über sich selbst und ihre Umgebung. Die dichterische Sprache dient ihnen als Schopf, an dem sie sich selbst aus dem Sumpf der Bedeutungslosigkeit ziehen, um ihr wahres Wesen zurückzugewinnen.
Die Inszenierung soll schließlich auch eine Form sein für die Thomas’schen Auf- und Abbrüche. Wie Dylan Thomas selbst werden sämtliche Figuren ununterbrochen von einer in die Vergangenheit oder in die Zukunft projizierten Sehnsucht bewegt, die sie dann in der Wirklichkeit einzulösen versuchen oder in ihrem Hirn als schöne Phantasie weiterwuchern lassen wollen. Dem folgt das regelmäßige Scheitern dieser imaginierten Utopie. Worauf wieder ein neuer Anlauf beginnt. Die Aufführung erzählt somit auch von Aufbrüchen, die scheitern und immer wieder neu begonnen werden.


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