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> Tintentod > Klaus Amann: Schreibarbeiten


Als ich, Mitte der siebziger Jahre, Josef Winkler zum ersten Mal begegnet bin, war er als Schreibkraft in der Verwaltung der neu gegründeten Universität Klagenfurt beschäftigt. Ich erinnere mich an einen ausnehmend schönen, scheuen, sehr jugendlichen Menschen, schlank bis zur Magerkeit, blass, fast durchsichtig, leicht gebeugt schon damals, wodurch er mir nicht ganz so groß erschien wie er ist, mit manchmal entschlossen-abrupten Bewegungen, vor allem im Weggehen, im plötzlichen Abwenden, wenn er das Gefühl hatte, das Gespräch sei erschöpft, es münde in Gerede. Da konnte er sich mitten im Satz umdrehen, mit einer Entschlossenheit, die signalisierte: Es gibt Wichtigeres. Das Wichtigere war, was in einem für Josef Winkler schicksalhaften Text, im Tagebuch Franz Kafkas, das "Lebendigwerden" genannt wurde: "Endlich sage ich es ..., daß zu einer dichterischen Arbeit alles in mir bereit ist und eine solche Arbeit eine himmlische Auflösung und ein wirkliches Lebendigwerden für mich wäre, während ich hier im Bureau um eines so elenden Aktenstückes willen einen solchen Glückes fähigen Körper um ein Stück seines Fleisches berauben muß."
Die "elenden Aktenstücke" im Falle Winklers waren zum Beispiel das Vorlesungsverzeichnis der Universität Klagenfurt, dessen Druckvorlage er auf seiner Kugelkopfschreibmaschine herzustellen hatte. Dass er außerdem in jeder freien Minute und manchmal auch im Dienst ganz und gar nicht-amtliche Schriftstücke verfasste und dass er ausschließlich daraus seine Lebenskraft bezog, wusste fast niemand. Er lebte nur im Schreiben und durch das Schreiben.
Die äußeren Zeichen dieser zweiten Existenz waren Distanz, Unnahbarkeit, Versonnenheit und ein spürbarer Widerstand gegen die Verbrüderungsgelüste und die damit verbundenen Lustbarkeiten der in Gründungseuphorie befindlichen Universitätsbediensteten. Seine Umgebung interpretierte sein Verhalten paternalistisch-wohlwollend als Unsicherheit des Burschen vom Lande, zuweilen auch aggressiv. Für den Universitätsdirektor, seinen Dienstherren, war er "der Träumer", für die anderen der unerfahrene Bauernbub, dem man jederzeit einen väterlichen Rat mit auf den Weg geben konnte, für einige wenige war er ein Außenseiter und Sonderling.
Josef Winkler, der Absolvent einer winzigen Dorfvolksschule in Kamering und einer dreijährigen Handelsschule in Villach (mit nachfolgender zweijähriger Bürotätigkeit in der Oberkärntner Molkerei in Spittal an der Drau), hat mit Kafka- und Canetti-Zitaten Rektoren und Universitätsdirektoren gegenüber auf seinem Recht, auf seiner Sprache und seiner Würde beharrt; nicht nur, wenn man ihn zu Unrecht einer Nachlässigkeit beschuldigte, sondern auch, als man ihm – nach dem Erscheinen des erstens Romans, "Menschenkind" (1979), und der Gewährung des Staatsstipendiums für Literatur – eine von ihm beantragte einjährige Karenzierung nur unter der Bedingung bewilligen wollte, dass er unter der Hand verspricht, danach nicht mehr an die Universität zurückzukehren, die ihm selbst schon längst unerträglich war. "Um jede Minute", schrieb er schon ein Jahr zuvor aus einem vierzehntägigen Krankenstand, "tut es mir leid, die ich drüben (in der Universität) versitze. Ich möchte lesen, schreiben, denken, so wie in diesen Tagen, dann bin ich ein tod-glücklicher Mensch."
Den Wunsch zu lesen (und, später, zu schreiben), musste er schon früh gegen eine gänzlich illiterate Umgebung durchsetzen, vor allem gegen seinen Vater, nach dessen "damaligem ermessen (...) aus mir ein straßenkehrer (hätte) werden müssen" (Winkler). Bücher, Refugien, Leseverstecke gab es im Haus nicht. Die fünf Brüder und die Schwester schliefen in einer gemeinsamen Kammer. Lesen stand, als Nichtstun, als Zeitverschwendung, in ständiger unmoralischer Konkurrenz zur Arbeit.
Bedrohung und Angst, die den Wunsch und den Versuch begleiteten, sich mit Hilfe der Bücher aus der Kameringer Bauernwelt hinauszuphantasieren und hinauszuflüchten, wiederholten sich bei der anderen großen Leidenschaft Winklers, dem Kinogehen, das wie das Lesen eine Flucht- und Ausbruchsmöglichkeit war. Niemand hat das genauer gespürt als der Vater. Er wusste, dass ihm durch beides der Sohn abhanden kam.
Wenige Jahre später, als knapp Zwanzigjähriger in Klagenfurt, betrieb Winkler bereits, mehr oder minder auf sich gestellt, ein weit verzweigtes literarisches Einmann-Unternehmen, das in der Öffentlichkeit vor allem durch die Organisation von Lesungen auffiel. Er organisierte mit überraschendem Geschick Gelder und er erreichte, was kein Einzelner in Kärnten unter vergleichbaren Voraussetzungen und Umständen erreicht oder zu erreichen versucht hat: Er brachte in ein Land, dem Ingeborg Bachmann, Peter Handke, Gert Jonke, Peter Turrini und Werner Kofler den Rücken gekehrt hatten und das in literarischen Dingen folgerichtig von den beiden gleicherweise "heimattreuen" Verbänden, der "Perkonig-Gesellschaft" und dem "Kärntner Schriftstellerverband", beherrscht und kontrolliert wurde, die Gegenwartsliteratur zurück. Und er hat damit, noch bevor er selbst eine Zeile publiziert hatte, öffentlich bekundet, dass der Kompromiss für ihn keine literarische Kategorie ist.
Etwa zur selben Zeit hat er, als Motor und Organisator einer lose verbundenen Gruppe von Literaturinteressierten und Schreibenden, die sich "Literarischer Arbeitskreis" nannte, eine Zeitschrift herausgegeben mit dem ebenso lakonischen wie programmatischen Titel "Schreibarbeiten". "Schreibarbeiten" war der in jeder Hinsicht treffende Name für ein Unternehmen, das zuallererst einmal darin bestand, dass Winkler sämtliche Texte der einzelnen Hefte seiner Zeitschrift, vom ersten bis zum letzten Buchstaben, auf seiner Kugelkopfschreibmaschine abschrieb und für die Vervielfältigung einrichtete. Texte von Gert Jonke, Alois Brandstetter, Walter Pilar oder Robert Schindel. Winkler selbst hielt sich mit dem Abdruck eigener Texte zurück, obwohl seine Schubladen überquollen.
Er hat seit seinem achtzehnten Lebensjahr geschrieben, unablässig, mit unglaublicher Geschwindigkeit und Intensität und in unglaublichem Umfang. Hunderte von Seiten mit seinen frühen Schreibversuchen gilben in Schachteln verschnürt vor sich hin. Nach der Darstellung, die er in "Das Zöglingsheft des Jean Genet" (1992) gibt, war der Selbstmord der beiden siebzehnjährigen Kameringer Buben – ein Liebestod, der ihn als den Dritten ausschloss – jenes schockartige Erlebnis, das ihm, dem Stummen und Verstummten, dem Eifersüchtigen auch, die Zunge löste.
Josef Winkler hat geschrieben um des Schreibens willen, um seiner selbst willen, zwanghaft, manisch fast, nicht mit dem Blick auf das Gedrucktwerden. Das rauschhaft Selbstpeinigende seines Schreibens und die asketische Ausdauer seines Arbeitens haben mich vom ersten Tag an ebenso fasziniert, verwundert und irritiert wie die Kühnheit, die Rücksichtslosigkeit und die Kompromisslosigkeit seiner Sprache und der Wahl seiner Sujets, die mit nichts zu vergleichen waren, was damals an österreichischer Gegenwartsliteratur bekannt war und was einem ein Germanistikstudium Anfang der siebziger Jahre vermittelt hatte.
Alle Lebensfunktionen und Alltagsverrichtungen Winklers waren auf den Vorgang des Schreibens konzentriert, und das bis zur totalen Erschöpfung. Sein Arbeitsprozess hatte etwas Eruptives, andererseits aber auch etwas beinahe Automatisiertes an sich, und er zeigte anfänglich einen deutlichen Widerwillen, das so Hervorgestoßene noch einmal herzunehmen und zu bearbeiten. "Meine Denkmuster", schrieb er damals, "ergeben sich, wie ich sehe, aus den Worten, das eine Wort schält das andere heraus, entwickelt sich zu einem Bild wie eine Puppe aus einem Kokon."
Das assoziativ-automatisierte Schreiben ist bei Winkler auch oder vielleicht sogar primär durch äußeren Druck, durch den Zwang, seine Manuskripte zu straffen und auf einen publizierbaren Umfang bringen zu müssen, in einem schweren Kampf mit sich selber, einer handwerklich bewussten, kontinuierlich korrigierenden und konstruierenden Arbeitshaltung gewichen, in der kein Satz stehen bleibt, der nicht ein Dutzend Mal hin und her gewendet wurde. Von "Domra" (1996) beispielsweise existieren, abgesehen von den Aufzeichnungen in den Notizbüchern, acht stark voneinander abweichende Fassungen. Es ist kein Zufall, dass er Vergleiche aus der bildenden Kunst nimmt, um die Veränderungen in seinem Arbeitsprozess vom Spontan-Intuitiven zum technisch und handwerklich Bewussten zu beschreiben, denn die visuelle Wahrnehmung und deren sprachliche Transformation in ein literarisches "Bild", in eine Metapher, sind die Grundlagen seines Schreibens. Er sei, so schreibt Winkler, "mehr abhängig (...) von dem, was ich sehe, als von dem, was ich denke. (...) Ich sehe, also bin ich, ich bin eine optische Substanz."
Immer wieder spricht er in den poetologischen Selbstaussagen von seinem "Kameraauge" oder von seinem "Filmkamerakopf". Deshalb erscheint auch in vielen seiner Texte geradezu leitmotivisch sein Notizbuch, oder noch deutlicher: sein "Straßennotizbuch". Es ist Dokument und Archiv seiner visuellen Existenz und zugleich das Instrument, mit dem der literarische Bearbeitungs- und Transformationsprozess in Gang gesetzt und in Gang gehalten wird. Josef Winkler ist kein Geschichtenerfinder. Seine Fantasie lebt und arbeitet in den sprachlichen und strukturellen Erfindungen seiner Bildkompositionen und Metaphernreihen, die fest in der Wirklichkeit verankert sind.
Je mehr ich im Laufe der Jahre von Josef Winkler gelesen habe, desto häufiger ist mir der Titel jener Zeitschrift, die er zwischen 1975 und 1977 herausgegeben hat, auch als Programm für sein eigenes Schreiben erschienen. Es gibt überdies einen bezeichnenden Hinweis auf das Programmatische dieses Titels. Im achten Heft der "Schreibarbeiten" finden sich als Motti zwei Zitate, die das Kompositum Schreibarbeit in verblüffender Weise zerlegen und kommentieren: einmal durch einen eher beiläufigen Satz von Goethe über das Schreiben und dann, entscheidender: völlig unerwartet und auf den ersten Blick völlig zusammenhangslos, durch die berühmte Definition der menschlichen Arbeit bei Marx, wonach Arbeit jener Prozess zwischen Mensch und Natur sei, "worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. (...) Die seiner Leiblichkeit angehörenden Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen."
Noch war keines der Bücher Josef Winklers erschienen, noch war er gezwungen, sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben völlig unbrauchbaren Form in den Kellerräumen jenes "Bildungszuchthauses" anzueignen, noch hielt der Universitätsdirektor seine "Schreibarbeiten" für Spinnereien, tolerierbar nur unter der Bedingung, dass sie seine eigentliche Schreibarbeit nicht beeinträchtigen – da erklärte er beiläufig, mit einem Zitat, das Unerhörte, aber für ihn Selbstverständliche: dass er für das scheinbar Überflüssige und Wertlose, dass er für seine "Spinnereien", für die in der Freizeit hergestellten "Schreibarbeiten", für die Literatur also, den Status von Arbeit beanspruche. Und er beanspruchte diesen Status für die Literatur in einem absolut emphatischen Sinne, im Sinne von Marx, der Arbeit, umfassender als jeder andere, als schiere Existenzbedingung, als zum Wesen des Menschen gehörig definiert hat.
Der biographische Kontext dieser emphatischen Behauptung der Wortarbeit, der Schreibarbeit als Arbeit, ist die radikale Opposition Winklers gegen die in jeder Richtung zerstörerische, bäuerlich-katholische Arbeitsbesessenheit seiner Herkunftswelt. Es ist die Verweigerung gegenüber der Welt des Vaters, gegenüber Selbstausbeutung, Unterdrückung, Gefühlskälte und Sprachlosigkeit im Namen körperlicher Arbeit. Der Ich-Erzähler in Winklers Büchern, der vom Vater Ackermann den Beinamen "Der Arbeitsscheue" erhalten hat, der in dessen Augen für den "Kampf mit der Erde" untauglich, der nichts als ein blutarmer "nutzloser Fresser", ein "dürrer Krüppel", mit einem Wort, ein "Nichtsnutz" ist, dieser Ich-Erzähler begreift den Kampf mit dem Vater zuallererst als Verweigerung gegenüber dem väterlichen System von Arbeit, das auf den Grundpfeilern von Besitz und Gewalt beruht, die eine Gewalt über Reden und Schweigen, eine Gewalt über Leben und Tod ist.
Die Gegenwehr, die Selbstbehauptung, ja die Rettung geschieht in der Rückeroberung der Sprache. Der Verzicht auf die Sprache, der Verzicht auf das Lesen und, später, der Verzicht auf das Schreiben, das Verharren in der Stummheit würde die Anerkennung der Vaterautorität bedeuten. Der Ich-Erzähler setzt die Autorität der Sprache, seiner Sprache, setzt die Autorität der Literatur an die Stelle der väterlichen Autorität. Er hält das Maul nicht mehr, redet und schreibt, ohne gefragt zu sein, über Gott und Welt, spricht, wie es in "Muttersprache" (1982) heißt, "über Dinge, über die man nicht spricht" und gibt wie zum Hohn das Ganze als "Arbeit" aus, nimmt die Konkurrenz mit dem Vater auf: spricht von seiner "Spracharbeit", von seiner "Romanarbeit", von seiner "Wortarbeit", von seiner "Formulierarbeit", von seiner "Schreibarbeit".
Die Befreiung aus der Welt des Vaters, aus der Welt des Patriarchats, die stellvertretend für die Verkehrtheiten und Versteinerungen der religiösen, der sexuellen und der sozialen Haltungen im Ganzen steht, diese Befreiung wird ermöglicht durch den Entwurf einer Biographie als Lesender und Schreibender. Der Abschied von den Eltern ist nicht nur ein Akt der Notwehr und des Selbstschutzes, es ist auch, im gleichnamigen Buch von Peter Weiss, ein literarisches Modell, das für Josef Winkler zu einem Initiationserlebnis wurde, das ihn bestimmte beim Entwurf einer Biographie, die Maß nimmt an den schriftlich verbürgten Befreiungsakten der literarischen Moderne, die aber auch Kraft schöpft aus biographischen und literarisch eingelösten Beispielen gesellschaftlicher Opposition. Jean Genet, Hans Henny Jahnn, Oscar Wild, Hubert Fichte, Franz Kafka, Albert Camus, Friedrich Hebbel und ein paar andere von ähnlichem Format fungieren in diesem Neuentwurf einer Biographie als literarische Wahlväter oder Wahlverwandte.
Winklers Bücher sind, bei allem Unauflösbaren und Irritierenden, das sie enthalten, bei allem Abstoßenden und Bedrohlichen, das er als Mineur in den verschütteten Gängen unseres kollektiven Unterbewussten freilegt, immer auch Rettungsgeschichten, frohe Botschaften über das Vermögen und die lebensverändernde Kraft der Literatur. Winklers Bücher sind schriftgewordene Belege dafür, welch vorzügliches Instrument Literatur sein kann, sich den Naturstoff in einer für das eigene Leben brauchbaren Form anzueignen – sei es als Schreibender oder sei es als Lesender. Josef Winkler ist gut dran, er beherrscht beides. Und – seine Bücher künden, so viel vom Tod die Rede sein mag, vom Lebendigwerden, durchaus im Sinne Kafkas, aber auch im Sinne jenes Satzes aus "Der Ackermann aus Kärnten" (1980), der über Josef Winklers gesamte Schreibarbeit stehen könnte: "Die Lebenden sollen endlich von den Toten auferstehen."

Stark gekürzte Fassung einer biographisch-dokumentarischen Skizze, die der Autor für den im Literaturverlag Droschl erschienen Band "Josef Winkler – Dossier 13", herausgegeben von Günther A. Höfler und Gerhard Melzer, Graz – Wien 1998, verfasste.)


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