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< zurück   up: Intervention ist nicht gleich Intervention

Myco – Logic
Patrick Baumüller und Severin Hofmann


Platz der freiwilligen Schützen (Veranstaltungsort)


Dauer
6. 10. - 14. 10. 2001


In der Zeit des steirischen herbst werden im Grazer Stadtraum, je nach künstlerischem Klima und Ausprägung der Wahrnehmung, artifizielle Pilze in Erscheinung treten. Der Pilz (lat. boletus) ist ein im Untergrund lebendes Myzel, welches – äußerst lange überlebensfähig – (auch erst nach Jahrtausenden) eine Möglichkeit finden kann, seine Fruchtkörper an der Oberfläche auszubilden. Der bevorzugte Lebensraum ist Fäulnis und verrottendes Material. Im Gegensatz zu diesen naturgewachsenen Saprophyten, welche zu 90% aus Wasser bestehen, sind die von uns geschaffenen, künstlichen Objekte fast zur Gänze aus Luft, zusammengehalten durch ein bisschen buntes Polyurethan. Diese, in variierenden Fruchtkörperformen und -farben nachgebauten Pilzfamilien, werden hauptsächlich an Stellen erhöhter kultureller Aktivität und an sozial-neuralgischen Punkten "verteilt und angebracht". Mancherorts möchten wir sie bestimmten (Kunst-)Institutionen sozusagen auch "unterjubeln" – hin und wieder tauchen sie wiederum an unerwarteten, sowie völlig unspektakulären Nischen im urbanen Gefüge auf.
Zur Erforschung dieses plötzlich auftretenden Phänomens richtet das bureau WALLSTREET eine temporär stationierte Anlaufstelle vor dem Bad zur Sonne, Platz der freiwilligen Schützen, ein: Ein mykologieträchtiges Labor, in dem, nach eingetretener Sammelaktivität durch das "Kunst-Pfadfindertum", eine ordungsgemäße Erfassung, Bestimmung, Katalogisierung und statistische Ausarbeitung der beigebrachten Fundstücke erfolgen soll. Ebenso werden vom "Pilzsammler" noch einige Angaben zu Fundort und -art, zur eigenen Person und dessen Umfeld, sowie wichtigen technisch-floralen Details erfragt und zu Protokoll genommen, aus denen u.U. hochinteressante Rückschlüsse auf
kulturelle Handlungspraktiken des Menschen gezogen werden können.
In Form einer öffentlichen Präsentation wird die fortdauernde Auswertung der Datenflut unter Einbeziehung mykologieträchtiger Eckdaten, sozialgeschichtlicher Verhaftung der Protagonisten und natürlich einem hohen Maß an eigenem künstlerisch-subjektivem Regulativ während der Veranstaltung den Gästen zugänglich gemacht.
Unserere künstlerische Intervention trägt einerseits dem Zitat "Kunst mischt sich ein" Rechnung und andererseits wird eine Kontrolltätigkeit unterschwellig am System "Ausstellung" mit seiner kunstinteressierten Besucherschaft spürbar. Weiters wirft die Handlung des Pilzesammelns den Aktiven die Frage auf, ob sie Kunstobjekte, (niedlich) hineingewachsen in die öffentliche Kunstbetrachtung, eigenhändig entfernen dürfen bzw. müssen. Die Irritation, hervorgerufen durch das teilweise täuschend echte Erscheinungsbild der künstlichen Pilze, spricht u. a. den eigentlichen Wert dieses künstlerischen Objektes an: Ist es nun ein einzelnes, autarkes Kunstwerk, ein Teil eines ausgedehntes interaktiven Happenings oder besitzt es nicht einmal den Wert, es eines Blickes zu würdigen?
Vom biologisch-ethnischem Gesichtsfeld aus betrachtet, stellen naturgemäß aus Flora und Fauna bekannte "Gewächse" in (hier neu eroberter) städtischer Umgebung einen gewissen negativen Reizpunkt dar und können gar nicht gut, geschweige denn gesund sein.
Die Besucher sind eingeladen nicht zu zögern, den einen oder anderen kompetenten Ratschlag in der mobilen Beratungsstelle des bureau WALLSTREET am Bad zur Sonne, Platz der freiwilligen Schützen einzuholen, um im Umgang mit aktueller Kunst nicht ein Gefühl der "Ungenießbarkeit" aufkommen zu lassen.
Patrick Baumüller, Severin Hofmann

Ein kulinarischer Vergleich wird am 14. 10. von Andreas Strauss vor Ort serviert.