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> Eröffnung des steirischen herbst 2001 > Tonino Carotone


Tonino Carotone liebt die Wurzellosigkeit, und nebenbei ist er auch ein neuer Verehrer der offenen und kosmopolitischen Kultur. Er lebt gleichermaßen in einem weißen von seiner Mutter genähten Anzug, wie in jenen romantischen Wohnräumen, bei denen die Adresse lediglich mit Spucke an die Tür geklebt wurde.

Als Bursche hieß er Tonin, als ihm sein erster Schnurrbart gewachsen war El Rey del Bodevil (der König von Bodevil) und als Musiker Tonino. Aufgewachsen ist er im Arbeiterviertel Rotxapea in Pamplona; später lebte er in Baranain, einem Außenbezirk der Hauptstadt. Mit 17 Jahren schließlich emanzipierte er sich und steckte Regeln, Formen und Logik in Brand. Zur gleichen Zeit wurde er ein Mann von Welt und einer der Vorstadt.

Als Siebenjähriger bekommt er eine Gitarre geschenkt, was er mit dieser riesigen Kiste anstellen soll, weiß er aber nicht. Er hört lieber Radio, schaut fern und schiebt sich Kekse in den Schnabel. Wie jedes x-beliebige Kind. X-beliebig? Normal? Nicht ganz – so lernt er auch die Melodien aller Werbesendungen und der blödesten Fernsehserien und summt sie nach. Auf dem Weg zur Schule macht er die Anfangsmelodie der Serie Sandokan zu seinem eigenen Hit. Eigentlich keine Dreistigkeit, ganz einfach das Wirrwarr eigener Melodien eines Kindes, das Weisen starker melodischer Ausprägung, "alberne Melodien", wie Tonino sie nennt, instinktiv aufnimmt.

Zu Beginn der Achtzigerjahre bildet sich in der Altstadt von Pamplona bei Plaudereien und Besäufnissen eine Gruppe leidenschaftlicher Lebemänner. Man findet sie auf den schrägsten und härtesten Szene-Festivals. Ihr Treffpunkt ist der Txino, eine kleine Zone voller Geheimnisse. Der Punk wird maximal ausgelebt. Bald sollte Tonin Schlagzeug in einer Gruppe namens Cagando Duro (Fest scheißen) spielen – mit Mikel Barrenechea und einem Mädchen namens Itsaso. Es zerreißt ihn förmlich vor Unruhe.

Zu dieser Zeit wird Tijuana In Blue gegründet. Es handelt sich um eine schiefe, unwahrscheinliche Formation. Sie sind pures Spektakel, eine Herde verrückter Ziegen, die Tausende von Fans in Ekstase versetzen. Tonin begleitet sie, nimmt an ihren kollektiven, feuchtfröhlichen Vergnügungsorgien teil, die sie Woche um Woche kunstvoll und dreist veranstalten. Die Tijuana lösen sich bei einer der vielen, heftigen Wochenendkotzereien auf. Bei so viel Lotterleben konnten ganz einfach keine Leckerbissen hochkommen.

In einem besetzten Lokal namens Lore-etxea probt eine der möglichen Nachfolgerbands von Tijuana, nämlich Kojón Prieto y Los Huajolotes. Macht euch auf einiges gefasst, Freunde. Die Gedankenwelt der Gruppe könnte lauten "Manana Dios dirá" – Morgen liegt in Gottes Hand. Sie spielen Rancheras, Nortenas und/oder ähnliches Zeug. Tonin spielt Mundharmonika, singt und komponiert. Sein Schicksal ist bereits auf Touren. Die Begierde minimal zufriedengestellt.

In Navarra waren die mexikanischen Nortenas schon immer beliebt gewesen, so dass Kojón Prieto die Konzertangebote praktisch in den Schoß fielen. Zu Beginn holt man sie für die musikalische Untermalung von Festen in kleinere Dörfer. Es läuft gut, aber es stimmt auch, dass sie den Festplatz in mindestens einem Dorf fluchtartig verlassen mussten: ihre hirngeschädigten Rancheras, ihr Zirkusimage überrascht und verstört die Liebhaber traditioneller Mariachi-Weisen.

Zum ersten Mal sah ich sie im Gaztetxe (besetztes Haus) von Altsasua, Navarra. Die Bühne ist winzig, wie ein halbierter Fünfziger (50-Peseten-Münze). Ein Kojon nach dem anderen kommt auf die Bühne, dann noch einer, noch einer, noch einer und schließlich Tonin, klein, aber beherzt. Fast ein Ding der Unmöglichkeit, aber doch haben es alle geschafft, dort oben irgendwie Platz zu finden. Dünn und dick, klein und groß, Schlagzeuger und Bläser, dazu Hintergrundsängerinnen und riesige mexikanische Sombreros. Mein Gott – zweiter Gedanke: was für ein Chaos, wie total fehl am Platz. Es entsteht ein riesiger Schaden, ein enormes Leck, durch das sich die Wasserfluten über das Dorf ergießen und es total überschwemmen. Was für ein Fest, was für Fiestas, was für ein Krach und Wirbel im halben Land. Klar, die andere Hälfte hat sich versteckt.

Tonin komponiert einen der größten Erfolge von Kojon Prieto, "Insumision" (Aufmüpfigkeit). Eine Hymne, die sogar von der italienischen Gruppe Arpioni gecovert wird. Und eine ehrliche Bestandsaufnahme noch dazu – Tonin selbst verbringt wegen seiner Aufmüpfigkeit ein Jahr in verschiedenen Gefängnissen. Die Zeit dort nutzt er, um neue Lieder zu schreiben und Gitarre zu lernen.

Manu Chao lernt er in Granada kennen. Manu verfolgte den Werdegang der Huajolotes mit großem Interesse, die Chemie stimmt. Später sollten sie sich an verschiedenen Orten treffen, aber der originellste und außergewöhnlichste Treffpunkt waren sicherlich die Klos von Madrid, in denen ebenfalls gemeinsame Werke entstanden. Dort nämlich war die Klangfülle geboten, nach der die Lieder mit akustischer Gitarre, die so dringend gespielt werden wollen, verlangen; zugleich blieb der Lärm der Kneipe draußen. In weiterer Folge begleitet Tonin Manu Chao mit Radio Bemba. Später begleitet er Amparanoia, ganz seinem unruhigen, fruchtbaren und umherwandernden Geiste entsprechend.

Tonin fühlt sich zum Melodischen und zum Quatsch hingezogen. Im Autokassettenrekorder der Prieto laufen Luis Aguilé, Trini López, Peret... und eine ganze Reihe Italiener: Mina, Rita Pavone, Albano und Romina, Adriano Celentano... Na, schlicht und einfach alles, worauf sie halt so Lust haben.

Seiner Liebe für das Italienische entspringt in den Worten eines überzeugten Tonino Carotone auch sein derzeitiger südländischer, zugleich jedoch – wie er selbst nuanciert – italienischer Stil. Dabei war er nur ein einziges Mal in Italien – im 95er-Jahr, auf Europatournee mit einer aufmüpfigen Karawane. So dass man ihn damals vor einem ergebenen (vielleicht überraschten) Mailänder Publikum auf Italienisch singen hören konnte. Die Erfahrung hinterlässt Spuren: Tonin wird zu Tonino Carotone, teilweise als Hommage an Renato Carosone, an den italienischen Schlager.

Im Jahre 98 lässt er sich in Barcelona nieder. Der Einsatz steigt sprunghaft. Er arbeitet mit Manu Chao, und es entstehen die ersten Lieder des heißesten Sommers seines Lebens. Zehn Jahre vorher hätte niemand gewagt, von einem so in den Zeitgeist passenden, dem Licht eines Leuchtturmes gleichenden Abenteuer auch nur zu träumen. Heute kehrt Tonino, der Junge, der immer ein Lied auf den Lippen hatte, mit einem begeisternden Angebot zur Szene zurück. Es ist die Belohnung für das Vertrauen, für all die Hartnäckigkeit. Es ist die Fortsetzung einer sich stets im Übergangsstadium befindenden Verrücktheit, gegen die es kein Mittel gibt. Ein mentaler und körperlicher Höhenflug, der – bis zur Veröffentlichung seines ersten, von Nacho Mastretta produzierten Albums – zwei wunderschöne Interpretationen hervorbringt, jede schön wie die Nacht, südländisch wie das Mittelmeer in Sizilien, Venedig oder Barcelona. Eine unbezahlbare CD-Single.

"Me cago en el amor" (Ich scheiße auf die Liebe) ist eine Komposition von Tonino. Ein Lied, dem man beim Klang der subtilen Gitarrenweisen hoffnungslos verfällt, inmitten der aus den Tiefen der Bühne aufsteigenden melodischen Windströmungen, die das Herz auf halbem Wege zwischen dem Zauber des Italienischen und der üppigen, volkstümlichen Eleganz von Carotone zum Schmelzen bringen. Es streckt uns nieder.

"La Trampa" (Die Falle) ist eine Überlassung von Manu Chao. Ein Beweis des Vertrauens, das der Pariser in Tonino Carotone setzt. "Auf dem großen Jahrmarkt der Lüge bist Du der König, König für einen Tag..." Chao pur, Kontrapunkt zu Tonino mit einem Schnitt, bei dem sich der Meniskus mehr bewegt als bei einem Fußballderby. Auch hier bilden die südländischen Gitarren die Grundlage, der Rhythmus ist ebenso sympathisch und ausführlich wie persönlich. Tauben steigen zum Himmel empor, die Hymne wächst und wächst. Magie ohne Tricks: ganz einfach ein Sommer ohne Ende.

Mit Tonino Carotone spürt man das Leben im Anzug mit Bügelfalte oder ganz einfach mit zerfranstem Hut. Es ist riesig, es ist die Nacht, in der ein neuer Mond aufgegangen ist. Ich bin überwältigt.

Pablo Cabeza


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