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Mit High-Voltage wird am Ich gebastelt
Das Theater «Klara» spielt im Foyer des Theaters Basel «Alle Jäger Danke»

Lieblich tönt der Jagdhornschall aus sechs Jägerkehlen, neugierig pirschen sie durch die dämmernden Triften des Foyers im Theater Basel. Neugierig lauert das Publikum, was das für ein Theater sein mag, das unter dem Titel «Alle Jäger Danke» angekündigt wird - reingelegt: «Die Vorstellung hat bereits stattgefunden.»

Irrtum, falsche Fährte: Die Vorstellung hat nicht nur eben begonnen, sondern alles ist Vorstellung. «Klara» stellt sich vor, was die Leute vorstellen, wenn sie sich sich selbst vorstellen. Identität ist der Jagdgrund ihrer neusten theatralischen Recherche, wie es der Untertitel anzeigt: «Eine Art Ich-Jagd».

Vorstellen muss man «Klara» nicht mehr. Seit die Truppe vor zehn Jahren mit «Klara! - Ein Melodrama» ins Alpenglühn des Bühnenlichts trat, hat sie sich als eine der innovativsten freien Gruppen in der Schweiz und weit über die Schweizer Berge hinaus einen Namen gemacht. Nun hat es sie für einmal ins österreichische Gebirge verschlagen, ein Gebirge aus Styropor, das sie zusammen mit dem Grazer Theater am Bahnhof für den «steirischen herbst» erfand, als wörtlich genommene Koproduktion: Die beiden Häuser erarbeiteten fürs Festival gemeinsam dieses Stück.

Von Haus sprechen kann man bei «Klara» allerdings nicht wirklich. Die freie Gruppe ist zwar in Basel daheim, aber ohne fixe Spielstätte. Traditionell brachte sie ihre Produktionen bisher in der Kaserne heraus; da diese zurzeit ihr Haus nicht bespielen kann, kam es nun zum Gastspiel im Theater Basel.

Ikea oder Bulthaup?

Für ihre neue Produktion hat das «Klara»-Theater einen riesigen Scheissehaufen auf die Bühne gestellt. Er korrespondiert schön mit dem weissen Matterhorn, das an seiner Seite steht, denn im Leben hat man eine Wahl zu treffen.

Scheisse oder Matterhorn? Ikea oder Bulthaup? Da fangen die Schwierigkeiten an. Wenn beim Eigenheimbau die Damen (Anna Geering, Monika Klengel, Martina Zinner) ein Gestell zusammenzuschrauben versuchen, während die Herren mit der Taschenlampen-Mass anstossen (Jo Dunkel, Helmut Köpping, Dominique Rust). Sie dürfen sich bei der Konstruktion ihrer individuellen Behausung mit Wasserrohren und andern chaotischen Systemen schadlos halten, alles fixfertig und zusammensetzbar aus dem Karton, grad wie das individuelle Dutzend-Ich. Je mehr sich die Leute als Individualisten gerieren wollen, desto mehr verliert sich die Individualität, das ist die jägerische These. Seien es die geborgten romantischen Gefühle, die Strausswalzer oder Grosswildjägerromane verschaffen, sei es der Selbstbetrug von psychologischen Motivationsspielen oder jubilatorischer Tanzgymnastik: alles Karaoke.

Ich oder Echt?

«Klaras» Trick ist, dass sie das ganz konkret erfahrbar machen. Begriffe werden zu Bildern, Thesen zu Geschichten, und die beamen sie dann auf die Bühne. Nicht als epische oder (bewahre!) dramatische Erzählung, sondern in ihrer eigenen assoziativen, pluralistisch-spielerischen Sprache. Unter Hochdruck geht das über die Bühne, mit High-Voltage wird am Ich gebastelt. Immer bleibt dabei auch ein bisschen Improvisationscharakter erhalten, denn «Klara» operiert auch mit dem Charme des Behelfsmässigen. Des Echten halt.

Weitere Vorstellungen: 14. und 15. 11. um 20.30 Uhr, 16. 11. um 23 Uhr.

Andreas Klaeui

erschienen in:
Basler Zeitung, 14. 11. 2001
http://www.baz.ch

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