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Katholizismus, Sexualität und Totenvögel
Schüler verfassen Theaterkritiken zu "Tintentod" von Josef Winkler - hier unsere Favoriten

Bei einem Theaterworkshop des steirischen herbstes und des Schüler Standard besuchten 30 Schüler die Generalprobe von Josef Winklers "Tintentod". Das von der jungen Regisseurin Tina Lanik inszenierte Stück hatte am 31. Oktober auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses Premiere. Nach einer Einführungsrunde in "Wie schreibe ich eine Theaterkritik?" von Standard-Redakteur Thomas Trenkler und einer Diskussionsrunde mit Regisseurin, Bühnenbildnerin und Dramaturg entstanden beeindruckende Texte. Hier unsere vier Sieger-Kritiken.



David Krutzler*
Ein Hieb gegen das ländliche Familienidyll

Mit "Tintentod" wagt sich der "Autor des Kälberstricks" erstmals in das gleißende Rampenlicht und bringt bei dieser Gelegenheit gleich das gesamte Ausmaß seiner Gedanken mit: Katholizismus, (Homo-)Sexualität und Tod. Marilyn Manson auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses im Rahmen des "steirischen herbstes", möchte man meinen.

Doch zwei junge Newcomer, Regisseurin Tina Lanik und die für Bühne und Kostüme zuständige Magdalena Gut, verstehen es, auch ohne Schock-Effekt Winklers ekstatische Sprache und seine bis zum Exzess abschreckenden, sprachlich gezeichneten Bilder durch sein lyrisches Ich (gespielt vom ausgezeichneten Adrian Furrer) darzustellen.

Karierter Neurotiker

Mit kariertem Anzug, Globus, Kassettenrecorder, seinen Büchern unterm Arm und einer herrlichen Portion Nervosität wandelt der Neurotiker durch Kirchenvorräume, eine mit Moos behangene Landschaftsfläche und - dank interaktiver Technik - durch das heißgeliebt-verhasste Kärnten. Er versucht, sich im Pfarrstadel seiner Kindheit aufzuhängen, um es seinen zwei Jugendfreunden nachzutun.

Kurz, Winklers lyrisches Ich verwandelt ein Interview, den Ausgangspunkt des Textes, in eine One-Man-Show, und selten war es so wunderbar ironisch: Das alpenländische Familienidyll kriegt ebenso sein Fett ab, wie es einen sozialkritischen Hieb gegen Talkshows gibt (herrlich: Lise Lyon als Moderatorin).

Das heikle Thema Selbstmord wird, angereichert durch viel Homoerotik und verflüssigt durch die Selbstzerfleischung seiner Zitate, von ihm sowieso mit Samthandschuhen angefasst, was für Heiterkeit im fast vollen Saal sorgt. Das primitiv ausgestattete Verhörzimmer reicht für Winklers lyrisches Ich aus, um auf einfache, selbst gestellte Fragen komplex zu antworten, und auch, um Winklers amerikanisches Pendant Woody Allen zu würdigen.

Nach mehr als zwei Stunden Spieldauer wird das Stück von einem hyperaktiven Kind (Tristan Bauer spielt Winklers innerliche Unruhe?) beendet. Bleibt zu hoffen, dass die Identitätsaufarbeitung Winklers noch lange andauert.

*Der Autor ist 17 Jahre alt und besucht das BORG Hartberg.



Eva Meran*
Gewaltige Sprache, traurig und amüsant

"Wenn mich nicht so viele Leute hassen würden, hätte ich mich schon längst umgebracht. Denen den Gefallen tun? Nur über meine Leiche." Also springt Josef Winkler, verkörpert von Adrian Furrer, nicht mit all seinen berühmten Werken unterm Arm von einer Leiter. Anstatt sich selbst zu erhängen, erhängt er doch lieber die Weltkugel.

Das Stück "Tintentod", das am 31.10.2001 im Grazer Schauspielhaus im Rahmen des steirischen herbstes uraufgeführt wurde, zeichnet gekonnt das ungewöhnliche Porträt des aus Kärnten stammenden Autors Josef Winkler, der kürzlich mit seinem neuen Roman "Domra. Am Ufer des Ganges" Erfolge feierte.

Die Bühne ist dreigeteilt: ein kaltes "Verhörzimmer" mit einer Videoleinwand, ein Nutzraum, der an eine Kirche erinnert, und ein Fleckchen Wiese, auf dem es sogar regnen kann. Über all dem schwebt ein Glaskasten, in dem Erinnerungen sichtbar werden.

"Herr Winkler, was verbinden Sie mit dem Begriff Österreich?" Das auf einem Skriptum mit 111 Fragen an Josef Winkler aufgebaute, teilweise langatmige Stück gibt dem Publikum in Form von ineinander überfließenden Monologen, Dialogen, Befragungen, Videos und Darstellungen von Erinnerungen Einblick in Winklers Leben, welches von einer harten, bäuerlichen Jugend, einengendem Katholizismus, Tod und Homosexualität geprägt ist.

"Darf ich dich retten?" Seine Dialogpartnerin, Befragerin und Mutter, wird gespielt von der ausdrucksstarken Lise Lyon, die gemeinsam mit dem kleinen vierjährigen Tristan Bauer die Nebenrollen stellt.

Brüllen und schweigen

"Ich frage aus und höre hin." Auffällig ist Winklers gewaltige Sprache, nicht nur in ihrer Masse, sondern auch in ihrer Vielfältigkeit: stottern, brüllen, schnell reden, singen, schweigen. Diese Sprache erschüttert, beeindruckt, macht nachdenklich, macht traurig, stößt ab oder amüsiert.

Und auf die Frage hin, was der Bär zu bedeuten habe, der zweimal wortlos über die Bühne geht, antwortet die junge Regisseurin: "Der ist einfach so da, nur zum Scherz." Aha.

*Die Autorin ist 17 Jahre alt und besucht die Grazer Internationale Bilinguale Schule (GIBS).



Theresia Töglhofer*
Wanderung zwischen Genie und Wahnsinn

Sein Leiden: die Todessehnsucht. Seine Leidenschaft: der Tod. Doch gerade diese Sehnsucht und diese Leidenschaft sind es, die ihn am Leben erhalten. Rund um Kirche, Glaube, Sexualität, Kindheit, Heimat und den alles verblassen lassenden Tod dreht sich "Tintentod", das erste Bühnenstück des Kärntner Autors Joseph Winkler, basierend auf 111 Fragen, die ihm der Germanist Klaus Amann stellte.

Im grellen Scheinwerferlicht, auf einer Leiter zum verhängnisvollen Sprung bereit, im feuchten Gras liegend oder als Talkshowgast bei Lise Lyon - Showmasterin, Mutter und Ehefrau in einem - erzählt er von seiner "ersten großen Liebe", den Karl-May-Büchern, von Singer-Nähmaschinen, Vollkornhostien und Totenvögeln: über ihm die weihnachtliche Idylle in einer Art Schneekugel, Andenken an die konfuse Nachnachkriegskindheit am Bauernhof.

Regie führte Tina Lanik, in der Hauptrolle Adrian Furrer, dem echten Winkler bemerkenswert ähnlich: in sich gekehrt, faszinierend starrsinnig, alles und jeden hinterfragend und bezweifelnd - am meisten sich selbst. Trotz des Zweifels, was aus ihm wird, wenn er dem Tod aus dem Weg geht, fasst er den "Endschluss": am Leben bleiben. Bemerkenswert ist die Leichtigkeit, mit der Furrer die sprachlichen Eskapaden bewältigt, auffallend auch seine Genauigkeit, die selbst in der größten Hektik nie verloren geht. Die Kulisse, schlicht, doch keineswegs einfallslos, besteht aus drei Bereichen. Genauso wenig einfallslos die Murphy-Parodie oder der Winnetou-Filmausschnitt, der den nicht enden wollenden Textfluss unterbricht. Winklers "Tintentod" beim steirischen herbst, galgenhumoristisch, skurril, eröffnet interessante Perspektiven. Der Brei wurde aber zu lange gerührt, als dass man sich die Mundhöhle verbrennen könnte.

*Die Autorin ist 16 Jahre alt, besucht das BORG Birkfeld.



Gerhard Fellner, Andi Hagenauer*
Theaterabend der unvermblümten Orangen

"Nationalstolz, oder was verbinden Sie mit dem Begriff Österreich?"

In einer 150-minütigen Aufführung auf der Probebühne des Schauspielhauses Graz ging die Regisseurin Tina Lanik dieser Frage, basierend auf Josef Winklers "Tintentod", nach. Adrian Furrer verkörpert in einer eindrucksvollen "Ein-Mann-Show" den verklemmt wirkenden Autor, dessen Temperament nur manchmal mit ihm durchgeht.

Autobiografie oder rein spekulative Fantasie? Diese Frage stellt sich öfter, denn der Sprachakrobat Josef Winkler vermag die erlebten Szenen bildlich darzustellen. Dabei spricht er manchmal vorsichtig und dezent, aber auch unverblümt direkt die Hauptthemen seiner Werke an: Tod, Kärntner Bauern-Heimat, Sexualität und Katholizismus.

Die skurril wirkende Bühne entwickelt sich während der etwas langwierigen Vorstellung zu einer multimedialen Landschaft, die für Überraschungen gut ist. Für Verwirrung sorgt ein urplötzlich auftauchender Kärntner Heimat-Bär, der seinen Weg ohne jeden inhaltlichen Bezug quer über die Bühne sucht.

Ansonsten verspricht das Porträt des oft verkannten Sozialkritikers, aber vor allem die schauspielerische Leistung einen unterhaltsamen Theaterabend.

*Die Autoren sind 17 und besuchen das GIBS in Graz.

erschienen in:
Der Schüler-Standard, 13. 11. 2001
http://www.derstandard.at

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