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Der Mensch als "Material" der Künste
Wenn Hotelzimmer zu Sprechkabinetten werden: Das Grazer "Musikprotokoll" neuerlich auf experimentellen Wegen

Zwei Performances standen im Mittelpunkt einer erregten Publikumsdiskussion beim Steirischen Herbst: Eine "Sophisticated Soirée" an der schummrigen "herbst"-Bar, deren Musik von den Besuchern selbst stammte, die mittels elektronischer Sensoren ihre Herzfrequenzdaten an einen Computer übermittelten, und der Besuch einer "Alien City", virtuellen Stadtwelt im wuchtig-finsteren "Dom im Berg", spektakulär in den Grazer Schloßberg gemeißelt.

Mag der kritische Einwand des deutschen Komponisten Jakob Ullmann, dabei handle es sich bloß um Spiele mit "Menschenmaterial", auch ein wenig übertrieben sein, so trifft er doch einen heiklen Punkt: Die nach den Terroranschlägen ins Hypertrophe getriebenen Kontrollen schnüren die ohnehin schon eng gewordenen Freiräume noch weiter ein, schlimmer noch: Keiner weiß, was mit den Daten der Überwachungskameras eigentlich geschieht und ob diese so sorgsam gehütet werden, daß sie nicht als Spielmarken im Gen-Roulette oder als digitale Images im Internet mißbraucht werden können. Ullmanns polemischer Einwurf machte jedenfalls klar, daß sich Kunst dieses "Menschenmaterials" nur dann bedienen darf, wenn damit auch kritisch eine vernetzte soziale Gegenwart anvisiert wird.

Dies ließ die von den österreichischen Sound- und Performance-Künstlern Andrea Sodomka, Martin Breindl und Norbert Math konzipierte "Alien City" vermissen. Von der "Rebellion des Subjekts" war in der einstündigen Performance wenig zu verspüren, wohl aber von der Lust nach Vernetzungen und spielerischer Erzeugung neuer, erfundener Welten: ein postmoderner Streifzug durch virtuelle Städte, die an den Steinwänden des Doms im Berg in Projektionen vorbeiziehen und sukzessive durch Aufnahmen der jeweils letzten Aufführungsstation überlagert werden. Das war offenkundig Hamburg-Hafen-Ambiente, das sich durch Computermorphing in frühere Stadtbilder einnistet. Den Anspruch der Virtualität, der wohl erst erfüllt wäre, wenn Städte bis zur Unkenntlichkeit miteinander verschmölzen, konnte "Alien City" aber selbst dadurch nicht einlösen, daß einige an früheren Aufführungsorten mit Webcams erfaßte Personen plötzlich als "Avatare" in einem anderen Ambiente auftauchen.

Wie mehr Atmosphäre ohne High-Tech erzeugt werden kann, bewies zehn Tage später "Abenteuer in Sachen Haut", zu dem Olga Neuwirth die Musik schrieb oder besser gesagt: eine Soundcollage. Meeresrauschen, Vogelgekreisch und vor allem höchst musikalisch übereinandergelagerte Stimmen mixt Neuwirth zu einem kunstvollen Soundtrack, der trefflich eine szenische Collage aus Texten, Gedichten und Briefen von Dylan Thomas begleitet. Eine hörspielartige Hommage an den walisischen Dichter mit fünf Schauspielern, die zwischen alten Radioapparaten und Wasserlachen umherhuschen und in Peter Carps Regie nicht bloß einen poetischen Theaterabend vermitteln, vielmehr die innere Musikalität der Lyrik Dylan Thomas' unterstreichen, Sprache gleichsam Musik werden lassen.

Als letztlich harmloses, aber immerhin höchst unterhaltsames Spiel entpuppte sich auch das zweite elektronische Großprojekt, das sein Material fast ausschließlich von den Anwesenden bezieht: Durch den kleinen Sender, der die Daten dreier an den Brüsten der Besucher befestigter Sensoren an einen Computer übermittelt, werden die Herzrhythmen aller Teilnehmer miteinander verglichen. "Hearts in synch" lautet die Devise dieses Abends: Wenn zwei Herzen zufällig im exakt gleichen Takt klopfen, dann wird dies durch tiefrotes Blinken signalisiert, das auch auf zwei Screens an den Wänden eine abstrakte optische Entsprechung findet. Das schönste Herzgeflimmer wäre wohl eine matte Sache, hätten sich Peter Rantasa, Georg Zeitblom, Erich Berger und Eva Dranaz nicht auch eine akustische Komponente erdacht, die zunächst von einer Wiener Improvisationsgruppe um den Saxophonisten Boris Hauf und die Gitarristen Martin Siewert und Burkhard Stangl anhand der als graphische Partitur lesbaren Videosequenzen eingeleitet wird. Danach übernehmen die Besucher selbst das Kommando, denn aus deren Herzfrequenzen errechnet der Computer eine rhythmisch pulsierende elektronische Suite, die sich dynamisch zunehmend verdichtet und an Intensität noch gewinnen kann, wenn die Besucher ihren Herzschlag sportiv zu beschleunigen beginnen. Ein höchst kommunikatives, interaktiv beeinflußbares Projekt, das je nach Aktivität der Zuhörer vollkommen verschiedene Verlaufsformen annehmen kann, wovon sich synchfreudige Spieler an vier Abenden überzeugen konnten.

Trotz dieser aufwendigen elektronischen Experimente, die selbst harmlose Hotelzimmer durch Installationen von Nicolas Collins und Johannes S. Sistermanns in ächzende Sprechkabinette verwandelt hatten, blieb unverkennbar, daß auch die komponierte Musik wieder einen stärkeren Anteil erhielt als in den vergangenen Jahren. Daß sich an diesen Abenden mit hochkarätigen Formationen wie dem "ensemble recherche", dem "Klangforum Wien" und dem Arditti Quartet Musik mit radikalen Verweigerungsgesten als eindrücklichste und am stärksten präsente erwies, dürfte wohl kein Zufall gewesen sein. Denn Christian Scheib vom koproduzierenden ORF, der die Hälfte des Budgets von insgesamt rund 540 000 Mark zur Verfügung stellt, konzipierte die vier Konzertprogramme mit einer wohldurchdachten Dramaturgie. So umrahmten zwei in ihrer Dynamik ganz ähnlich reduzierte Stücke wie Jakob Ullmanns "komposition für streichquartett" oder Klaus Langs "sei-yaku" zwei Kompositionen von Walter Zimmermann, der in "Umbris Idearum" vertrackt versetzte Rhythmen verwendet, und von Beat Furrer, der in "Spur für Klavier und Streichquartett" (Ian Pace, Arditti Quartet) die Speichenräder seines Klavierkonzerts "nuun" in beinahe schon poppigen Rhythmen rasen läßt

Stärker war dennoch das Leise, kaum noch Wahrnehmbare, das dem Marktgeschrei eindringliche Warnungen zuzuflüstern scheint, als gälte es, das goldumrahmte "Silentium", das an der Empore des barocken Minoritensaals prangt, bedingungslos zu erfüllen. Erstaunlich, mit welcher Konzentration das Publikum den jegliche Kulinarik verweigernden Stücken Ullmanns und Langs folgte. Hinter der vordergründigen Askese walten freilich sich minutiös verändernde Klänge, die das Arditti Quartet trotz vierfacher Pianissimi noch mit präziser Artikulation spielte. Während Ullmann mit feinsten Klangverschmelzungen operiert, konzentriert sich Lang in seinen japanisch angehauchten "sei-yaku" auf sirrende Schneidegeräusche, ausschließlich auf den leeren Saiten produziert.

In diese Reihe widerständig-leiser Musik fügten sich tags zuvor auch Pierluigi Billones "Mani. Giacometti" die ihre durch verquere Bogentechniken hervorgerufenen Klangqualitäten noch besser entfalten konnten als im Vorjahr in Donaueschingen, und "looming outlines of autumn" des Russen Vadim Karassikov: ein von extrem langen Pausen völliger Stille durchsetztes Trio, dessen Spannung das "ensemble recherche" mit bemerkenswerter Konzentration durchzuhalten verstand. Wenngleich nicht ausschließlich mit dynamischen Grenzwerten operierend, paßten auch Mathias Spahlingers "gegen unendlich", dessen Akkordtrauben selbst scheinbar gleiche Töne mikrotonal voneinander abweichen läßt, und Georg Friedrich Haas' faszinierende Obertonspirale "in vain", von einer unglücklichen optischen Komponente begleitet, bestens in diesen Kontext des Querständigen.

Obwohl die elektronischen Projekte in diesem Jahr nicht so innovativ ausgefallen waren, überzeugte das "Musikprotokoll" erneut durch seine klare konzeptionelle Linie. Selbst wenn einige der Auftragswerke, wie Tristan Murails viel zu stark an impressionistische Programmusik erinnerndes Ensemblestück "Le Lac", eher enttäuschten, gelang dem Festival wieder ein beharrlich widerständiges Statement. Nicht zuletzt durch ein wuchtiges, aber stets transparent bleibendes Klavierkonzert von Michael Jarrell, das Thomas Larcher zum Ausklang mit dem RSO Wien unter Dennis Russell Davies interpretierte: fürwahr ein "Abschied", sich immer stärker verflüchtigende Trauermusik auf die verschwindende Utopie eines mündigen bürgerlichen Subjekts.

Reinhard Kager

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine, 9. 11. 2001
http://www.faz.de

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