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Gerhard Rühm: PROVOKATION UND STILLE
rede zur eröffnung des steirischen herbst 2001

WORTE ZUVOR

seit den schockierenden terroranschlägen in new york und washington am 11. september hat sich bereits eine ganze reihe von schriftstellern mit stellungnahmen zu wort gemeldet. in einem sammelband vereinigt, würde die lektüre wahrscheinlich bald langweilen. eigentlich selbstverständliches wie der aufruf zu besonnenheit, die warnung vor pauschaler verurteilung islamischer staaten und mitbürger, die entschlossenheit zur bekämpfung des islamistisch-fundamentalistischen terrors, der mit den taliban ja auch die afghanische bevölkerung trifft, wird in ähnlichen formulierungen immer wieder repetiert. muss ich den beschwörungen der vernunft noch meine gleichlautenden hinzufügen?
es ist doch klar, dass der terrorismus durch führende scharfmacher wie ariel sharon einen gewaltigen auftrieb erhielt. es ist doch klar, dass die palästinenser in verzweifelter defensive sind, wenn ihnen fanatische israelische siedler aus dem verbliebenen territorium immer weitere gebiete herausbröckeln, die dann samt zufahrtsstrassen rundum befestigt, die bewegungsfreiheit der palästinenser im eigenen land massiv behindern. es ist doch klar, dass die verbitterung darüber mit jeder weiteren siedlung und den damit verbundenen schikanen zunimmt und hass schürt, der sich in gewalt entladen muss. es ist doch klar, dass sich immer mehr moslems, auch über palästina hinaus, aus solchen gründen mit ihren glaubensbrüdern solidarisieren. es ist doch klar, dass es auch kritische israelis gibt, die die aggressive siedlungspolitik ihrer regierung ablehnen, wie auch klar ist, dass nicht alle moslems terroristen sind, sondern nur sehr wenige, dass der islam viele gesichter hat wie das tolerante der spirituellen sufis und der friedliebenden alewiten, es ist doch klar, dass im grunde keiner krieg will. es ist doch klar, dass terroristen für ihre wahnsinnstaten bestraft und unschädlich gemacht werden müssen. und schliesslich ist klar, dass der krisenherd im nahen osten befriedet werden muss, soll die bekämpfung des terrorismus erfolg versprechen. das alles ist klar und wir wissen es längst, wie alle wissen, dass gewalt nur gegengewalt erzeugt und sich so die spirale der gewalt immer höher dreht, darum eine seite zuerst die gewalt beenden muss, soll die vorhersehbare finale katastrophe verhindert werden.
auf längere sicht wird allerdings nicht nur der terrorismus, sondern – als seine brutstätte – jegliche spielart des fundamentalismus geächtet und bekämpft werden müssen. fundamentalisten gibt es bekanntlich nicht nur unter moslems, sondern auch unter orthodoxen juden und christen. nicht nur im koran, auch im alten und im neuen testament finden sich stellen, die von religiösen fanatikern zur rechtfertigung von verbrechen missbraucht werden können und, wie die kirchengeschichte lehrt, ausgiebig missbraucht wurden. im matthäusevangelium, kapitel 10, vers 34 werden jesus die worte in den mund gelegt: "Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert". und der heilige bernhard von clairvaux hat im zeitalter der kriminellen kreuzzüge zur tötung der "ungläubigen" aufgerufen. die gepredigte nächstenliebe gilt offenbar nur unter christen – nach den terrorakten in nordirland zu schliessen, nicht einmal da. christen waren es, die jüngst in den vereinigten staaten ärzte wegen legaler abtreibungen ermordeten. bibelgläubige, die sich "kreationisten" nennen, haben im us-bundesstaat kansas bewirkt, dass in den schulen die evolutionstheorie durch die schöpfungslegende von adam und eva als den stammeltern der menschheit ersetzt wurde. nicht nur über die taliban hat man grund, sich zu wundern. prediger in amerika versteigen sich eben zu der ungeheuerlichen behauptung, die terroranschläge in new york und washington seien eine gottesstrafe. einer afp-meldung zufolge verkündete der protestantische fernsehprediger jerry falwell allen ernstes, die usa hätten die attentate "womöglich verdient" und verurteilte in einem atemzug frauenrechtlerinnen, homosexuelle und abtreibungsbefürworter als sünder, die gott mit den anschlägen bestraft habe.
schon vor dem 11. september hatte ich das thema "provokation", wenn auch eher mit seinen ästhetischen aspekten, ins zentrum meiner rede gestellt. nun fand ich unter den zahlreichen kommentaren zu den schockierenden ereignissen in den usa einen beitrag, der auch zum thema "provokation" einen interessanten gesichtspunkt herausarbeitet. zum abschluss dieser "vorrede" möchte ich daraus einen signifikanten absatz zitieren:
"Dem Terroristen geht es nicht um den eigentlichen Zerstörungseffekt seiner Aktionen. Diese sind nur ein Mittel, um einer Vielzahl von Menschen etwas mitzuteilen. Terrorismus ist primär eine Kommunikationsstrategie. Im Grunde ist er ein Spezialfall des Handlungsprinzips Provokation. Was zählt, ist die Botschaft, die zündet."


PROVOKATION UND STILLE


provokationen können durchaus auch eine konstruktive funktion haben. intelligent inszeniert schrecken sie aus dem wahrnehmungsgrau des alltags auf, irritieren durch demonstration neuer betrachtungs- und handlungsweisen. so werden denkprozesse ausgelöst, die auf längere sicht gesellschaftliche veränderungen bewirken können. neue erkenntnisse haben oft an sich schon etwas schockierendes – man denke an die letzten entwicklungen der gen- und gehirnforschung, die eine radikale mutation unseres selbstverständnisses und unserer weltsicht zur folge haben.
in der kunst regt der gezielte einsatz von überraschungs- und schockeffekten zu intensiverer wahrnehmung an, die konfrontation mit neuen darstellungsformen provoziert kreatives miterleben. man könnte geradezu von einer evolutionären qualität der provokation sprechen. ästhetische provokationen attackieren konformistisch vorgeprägtes denken, animieren zur relativierung, zumindest zum hinterfragen ritualisierter konventionen, zu grenzerkundungen. sie erweisen sich als eine art nachdrücklicher, wenn man so will aggressiver kommunikation. nicht nur im reiseverkehr bauen grenzüberschreitungen vorurteile ab und erweitern den bewusstseinshorizont.
jede künstlerische provokation hat auch einen gesellschaftlich politischen aspekt, der nicht zu gering erachtet werden sollte. die "kommune 1" im berlin der sechziger jahre mit fritz teufel und rainer langhans hat es beispielsweise verstanden, beide aspekte wirkungsvoll miteinander zu verbinden. ihre politischen provokationen hatten durchaus ästhetische qualitäten – mit ihrer publikation "klau mich" dokumentierten sie das auf gewitzte weise.
die aktionen der "wiener gruppe" – etwa die beiden "literarischen cabarets" von 1958 und 1959 – ebenso wie der nachfolgende "wiener aktionismus" sind ohne einen programmatisch anarchischen hintergrund kaum denkbar. gerade mit sprache lässt sich eindrucksvoll provozieren, denn sie ist ein gesellschaftliches und damit auch politisches kommunikationsmittel von zentraler bedeutung. in diktaturen, von denen de facto kein staat jemals weit entfernt ist, und sei es auch "nur" durch die mediale ausgrenzung der interessen von minderheiten, wird sprache unversehens zu einem herrschaftsinstrument, zu der sprache, die beschwatzt und verordnet, in scheinheiliger allianz mit den kirchen, bestimmt, was moralisch und was unmoralisch, also was "gestattet" und was "verboten" ist.
gelungene ästhetische provokation setzt den kulturbanausen voraus, der sich eben provozieren lässt. durch seine habituelle intoleranz provoziert er geradezu zur provokation. von daher sind sicher manche gezielten provokationen der "wiener gruppe" in den fünfziger und sechziger jahren, einer kulturpolitisch düsteren periode, zu verstehen. allerdings provozierte auch vieles, was gar nicht auf provokation angelegt, was einfach nur konsequent zuende- oder weitergedacht war.
freilich muss grundsätzlich unterschieden werden zwischen reflektierter provokation und bloss provokativem gewaltverhalten, wie es für das dumpfe bewusstsein grölender neonazis und fussballrowdies charakteristisch ist. deren "provokationen" entlarven sich schon in ihrer erscheinungsweise als primitive abreaktion eigener minderwertigkeitskomplexe.
wir leben heute in einer welt, in der sich sensiblere menschen selbst pausenlos provoziert fühlen müssen: nicht nur durch höchst zweifelhafte machenschaften und folgenschwere versäumnisse internationaler politik, sondern auch durch das ganz alltägliche umfeld. ich nenne nur von autoabgasen verpestete strassen, erzwungenes passivrauchen auf schritt und tritt, nicht zuletzt lärmfolter – auch die "musikalische", die uns bis in hotellifte, toiletten, kaufhäuser, restaurants und telefonwarteschleifen verfolgt.
angesichts des gegenwärtigen globalen ausverkaufs ästhetischer massstäbe und der zunehmenden neutralisierung zwischenmenschlicher beziehungen verliert intelligente provokation ihre kathartische funktion. so ist auch der kompromisslose künstler gezielter provokationen müde geworden – sie würden im lauten getriebe wirkungslos verpuffen. wie der unbeirrt forschende wissenschaftler – die unterscheidung vom künstler beginnt sich unmerklich zu verwischen – widmet er sich heute eher problemen der wahrnehmung, des ausdrucks, den fragen, was bewusstsein, was leben ist, der künstlerischen umsetzung aktueller wissenschaftlicher erkenntnisse.
so sind die tabubrüche vereinzelter gruppen und radikaler künstler des eben zu ende gegangenen jahrhunderts bereits historie geworden. sie waren befreiungsschläge gegen verinnerlichte konventionszwänge, attacken gegen eine regressive, noch mit faschistischem gedankenmüll infizierte gesellschaft. die pauschale ablehnung moderner kunst mit dem naziverdikt "entartet" konnte man noch bis in die sechziger jahre in konservativen politikerreden hören.
und man hört sie nun, leicht verbrämt, wieder. ein landeshauptmann der einen regierungspartei empfielt einem festivalintendanten – es ist nicht der des steirischen herbst – in seinem programm für "leichtere kost" zu sorgen, damit das zahlungskräftige, devisenbringende publikum, an dessen bedürfnissen angeblich vorbeiprogrammiert werde, nicht ausbleibt. der landeshauptmann der anderen regierungspartei legt einem künstler, der angeblich den bedürfnissen des publikums nicht entgegenkommt, gleich die emigration nahe. unter der hand schleicht sich "das gesunde volksempfinden" als kriterium wenn nicht der beurteilung, so doch der "subventionswürdigkeit" von kunst in den kulturpolitischen diskurs wieder ein. jetzt heisst es eben, wie im forderungskatalog der fpö, dass sich "die Realisierung der Werke an den Bedürfnissen des Publikums" beziehungsweise "der Steuerzahler" orientieren soll. die "Anwendung des Erfolgsprinzips bei der Subventionsvergabe", so eine weitere forderung, bedeutet letztlich, dass nur das, was ein grosses publikum anspricht, wert sei, gefördert zu werden. anspruchsvolleres wird damit finanziell ausgehungert. das ist schleichende, nur notdürftig kaschierte zensur.
sicher haben gerade jene künstlerischen aktivitäten, die einst in einem muffig konservativen umfeld schockierend wirkten, erheblich zu einer allmählich toleranteren grundhaltung gegenüber anderen gesellschaftsformen, sexuellen varianten und exponierten kunsttendenzen beigetragen – auch wenn es sich bei ihrer akzeptanz eher um einen gewöhnungsprozess als um verständnis handelt. jedenfalls hätte vieles von dem, was heute in konzertsälen, museen, theatern und kinos akklamiert wird, noch vor wenigen jahrzehnten heftige entrüstungsstürme ausgelöst. ich konnte das noch hautnah erleben.
sicher ist diese entwicklung zu mehr toleranz, zumindest in unseren breiten, erfreulich. wie alles eine kehrseite hat, birgt sie indes auch gefahren wie die der gesellschaftlichen indifferenz, der kulturellen massstabs- und kritiklosigkeit. in der epoche des pluralismus, wo alles verfügbar und fast alles erlaubt zu sein scheint, vermögen künstler selbst mit extremsten produktionen und veranstaltungen kaum noch zu schockieren. die gegenwärtige spassgesellschaft, der die aktuellen ereignisse womöglich den spass bald verderben werden, bewertet kultur vor allem nach ihrem unterhaltungswert, ihrer flotten konsumierbarkeit. die anreize müssen ständig gesteigert werden, immer schneller und kontrastreicher aufeinander folgen, um das publikum bei zahlender laune zu halten. das führt zwangsläufig zu sensueller ermüdung und einer kulturellen verflachung, wie sie die inflationär wuchernden fernsehprogramme wohl am erschreckendsten vor augen führen. auch wer sich der enervierenden reizüberflutung zu entziehen versucht, wird doch pausenlos und allerorten davon erbarmungslos belästigt.
heute müssen wir uns weniger gegen dezidierte feinde moderner kunst als vielmehr gegen die aggressive vereinnahmung durch die unterhaltungsindustrie und ihre mediale soundversumpfung wehren. über die einschaltverweigerung hinaus sollten wir das recht auf intelligente minderheitenprogramme – schliesslich sind auch wir steuerzahler, ganz schlicht auch das recht auf wenigstens partielle ruhe einfordern.
ruhe beunruhigt aber auch viele – sie haben sich der ruhe, die voraussetzung ist für besinnung, für die konzentration auf eines, durch dauerbeschallung entwohnt. die verstörende konfrontation mit solch einem paradox kann jedoch zur einsicht führen, kann eine neue bewusstheit der wahrnehmung auslösen. ähnlich vermag die irritierende alogik von zen-koans, dieser prägnanten ostasiatischen dialogform, die auch auf meine künstlerische arbeit nicht ohne einfluss geblieben ist, den moment des satori, der blitzartigen erkenntnis zu provozieren. man sieht, "provokation" hat sehr unterschiedliche facetten. das wachsende interesse für den zen-buddhismus, eine lebensphilosophie, die, anders als monotheistische jenseitsreligionen, bewusstes hiersein im jetzt lehrt, ist ein indiz für das elementare bedürfnis nach refugien der besinnung, nach - stille.

Text vom 4. 10. 2001 © steirischer herbst

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