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Kühe in Albtrauer

Alles so fies geschnitten: Die junge Regisseurin Tina Lanik inszeniert Josef Winklers "Tintentod" beim "Steirischen Herbst" in Graz


Ein Mann will aus der Welt, und ein Strick soll ihm dabei helfen. Er hat sich einen würdigen Ort für seinen Abgang ausgesucht, ein altes Kirchen- oder Klostergemäuer, an der Wand der weiße Schatten eines abgehängten Kruzifixes. Der Mann ist ein Dichter, ein unpraktischer Mensch, und sein Strick will nicht halten. Aber weil das Gemäuer in einem Theater aufgebaut ist, kommt ihm ein Bühnenarbeiter mit einer Leiter zu Hilfe. Es könnte jetzt so weit sein – da zuckt der Dichter zurück. Schreiben heißt für ihn Sterben lernen, er hat noch nicht genug geschrieben. Er zieht den Tintentod vor.

"Tintentod" heißt ein Abend, der beim "steirischen herbst" auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses uraufgeführt wurde. Schon bald hängt statt des todessüchtigen Dichters die ganze Welt am Strick, ein bunt leuchtender Globus, wie der Rest eines verpatzten Lampionfestes. Im schönen Bild vom Untergang aber sieht man im Grunde nur des Dichters verletzte Seele baumeln.

Die junge Regisseurin Tina Lanik hat zur düsteren Welt des gut 20 Jahre älteren Kärntner Dichters Josef Winkler reichlich Abstand. Dieser schmächtige, immer bleiche, vollkommen obsessive Dichter, der in seinen Romanen einen nicht endenden Bauernkrieg gegen sein Heimatdorf Kamering führt und einen Glaubenskrieg gegen die katholische Kirche; dem seine Kunst ein Auftrag ist und seine Begabung ein Stigma; der sich wie Pasolini sein Sendungs- zum Schändungsbewusstsein umgedeutet hat, immer auf dem Weg vom Sakrament zum Sakrileg – dieser Mann traf nun in Graz auf Fräulein 100 000-Volt, die "come and get it"-Fraktion.

Die Textwüste lebt

Tina Lanik sagt, sie habe sich beim Lesen in Winklers Neurosen verliebt, ihn nicht gekannt und ihn dann bei einer Lesung in Wien erlebt: "froschgrüne Hose, rosa Hemd, kanariengelbes Jackett, rote Socken. Und alles so fies geschnitten, so achtziger Jahre!" Tina Lanik, aufgewachsen in Stuttgart, Politologiestudium in Wien, Regieassistentin bei Luc Bondy, blieb nicht viel mehr übrig, als Vermutungen über einen Fremden zu inszenieren, an Stelle einer absehbaren Winkler-Interpretation mit Blut und Kruzifixen. Die "herbst"-Dramaturgie hatte die beiden in eine rettende Falle gelockt, eine kluge Entscheidung gegen eine allfällige Hommage. Dabei entstand 90 Minuten lang ein furioser Theaterabend. Dass er dann fast eine Stunde länger dauerte, aus Angst vor Strichen und der eigenen Courage – das war die Rache Kamerings.

Die Bühnenbildnerin Magdalena Gut hat Winklers Welt viergeteilt. Über allem hoch hinter Glas: ein Landschaftsidyll mit Bergen, Schnee und Baum. Darunter das Klostergemäuer. Vor dem Kloster ein Stück niedrig umzäunter Rasen, vielleicht ein zugewachsenes Grab. Der vierte Ort könnte ein Zugabteil sein, an dem per Videofilm die Landschaft vorbei fliegt. Manchmal fällt Regen auf die Wiese, und in dem Raum, der ein Zugabteil sein könnte, dreht sich surrend ein Deckenventilator.

Zwischen den Schauplätzen, die sichtbar als nicht zu Ende gezimmerte Kulissenteile nebeneinander stehen, tritt der Dichter auf: groß kariertes Sakko, rotes Hemd, beige Hose, alles fies geschnitten. Er schleppt seinen Globus mit, einen Ghetto Blaster und eine Tüte, aus der er später den Strick holt. Ein neurotisches Hüsteln hindert ihn am Reden. Dann erzählt er, dass er mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet worden sei und sein neues Buch "Natura morta" auch im Literarischen Quartett gut abgeschnitten habe. Es gebe überhaupt nur einen Einwand: Ob es wirklich eine Novelle sei. Aber die Kritikerin Iris Radisch habe gesagt, es sei eine. Er wirkt zufrieden.

Auf der Bühne steht der Schauspieler Adrian Furrer, assistiert von Liese Lyon als die multifunktionale Frau seines Lebens. Im Publikum sitzt mit Frau und fünfjährigem Sohn, dessen Double auch auf der Bühne herumspringt, Josef Winkler. Er trägt ein Sakko mit rotweißen Karos, blaue Jeans und ein weißes Hemd. Winkler hat dem Germanisten Klaus Amann ein Interview gegeben. 111 Fragen, schriftlich beantwortet, und es gehört eine Menge Fantasie dazu, die Textwüste in einen Theaterabend zu verwandeln. Winkler ist ein großer Prosaautor, aber kein Dramatiker, und Humor ist nicht seine Stärke. Seine Romane sind ein Epitaph auf das autobiografische Schreiben, die Liquidation von Erinnerung.

Zeige deine Wunden

In seinen Interview-Antworten zitiert er Geschichten und Texte aus seinen Büchern, von der "Kärntner Trilogie" bis zu seinem Indienbuch "Domra. Am Ufer des Ganges“. Tina Lanik aber, die partout keine Lust auf Kreuzwege hat, lässt keinen Rezitationsabend aufkommen, wirft den Dichter immer wieder zurück in sein privates Schlamassel. Je größer die Texte des Dichters, desto kleiner der Mann dahinter. Da scheint sich ein Josef vor diesem Winkler zu retten und spricht die Texte weg wie Litaneien. Der Rettungsversuch eines Kafkaschen Käfers durch die Generation Golf.

Aber während Tina Lanik dem Dichter immer mehr beispringt, wird sie im letzten Teil des Abends von ihm vernichtet. Die Kameringer Pranke schlägt zu. Tina Lanik lässt Winkler gewähren und hört ihm zu. Winkler aber sagt: "Wunden haben mich zur Sprache gebracht. Ich will ja geschlagen werden." Die Regisseurin aber illustriert Winklers Liebe zu Karl May mit einer Videoprojektion von Winnetous Tod und inszeniert alle fünf Minuten ein Finale. Das Publikum setzt schon zum Applaus an, da geht der Abend noch immer weiter.

Trotz des fahlen Endes hat Tina Lanik gezeigt, was sie kann. Wenn sie demnächst bei Dieter Dorn in München einen vielleicht theaterfreundlicheren Text inszeniert, wird sie sich beweisen können.

Helmut Schödel

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung, 3. 11. 2001
http://www.sueddeutsche.de

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