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Plappertod: Josef Winkler läßt in Graz ein Interview mit ihm als Drama uraufführen
Was ein Sakko alles verschluckt: Josef Winklers "Tintentod" beim "steirischen herbst" in Graz uraufgeführt

Josef Winkler, der Bauernsohn aus Kärnten, hat eine sehr ausgeprägte Richtung der jüngeren österreichischen Literatur auf die äußerste Spitze getrieben, die sogenannte Antiheimatliteratur. Sein Verdienst. Mit wenigen Ausnahmen sind seine Romane wilde, wütende Exerzitien des Immergleichen: Das Schauerliche des Katholizismus, die Enge des Dorfes, die Prüderie erregen in ihm besessene, schwer lesbare Sprachorgien voll von Blasphemie, Sexualität und lustvoll zelebrierter Todessehnsucht. So kann man den Umstand, daß sich Leser zu Winkler immer eindeutig positionieren, nämlich entweder fasziniert oder angeekelt, schon für ein Qualitätsmerkmal halten.

In einem Land, wo seit vielen Jahren der Künstler Hermann Nitsch seine "Orgien- und Mysterienspiele", voll von Tierblut und religiösen Insignien, abhält und damit immer noch Haßeruptionen und Proteste erntet, liegt es nahe, die blut-, weihrauch- und spermagetränkten Welten des Josef Winkler aus trockenen Buchseiten hervorzuholen und zu dramatisieren. Winkler hat nie ein Stück geschrieben, und so hat sich das Festival "steirischer herbst" damit beholfen, ein langes Interview Winklers mit dem Germanisten Klaus Amann für die Probebühne des Grazer Schauspielhauses zu adaptieren. Das ist auf das erstaunlichste mißglückt.

Zum ersten gibt es in den immerhin für solche Theaterexperimente nicht überdurchschnittlich langweiligen zwei Stunden keine Szene, die es rechtfertigen würde, als solche in einem Theaterraum vor Publikum gezeigt zu werden. Kein Stück Text entfaltet gesprochen eine andere Wirkung, als es eine der schüchtern-monotonen Lesungen Winklers tun würde. Das liegt natürlich am Text, der eben kein Stück ist, aber diese Tatsache stellt das ganze Unternehmen doch recht existentiell in Frage. Wir haben es also eher mit einer oft hilflos bebilderten szenischen Lesung mit schrillen Einschüben wie zum Beispiel jenem zu tun, bei dem eine ländlich gekleidete Frau und ein kleiner Junge in einer Art Menschenterrarium, ausgekleidet mit Alpenfototapete, gräßlich falsch ein "Sauerkrautlied" singen. Schwerer wiegt, daß diese Grazer Winkler-Unternehmung zwischen zwei exegetischen Extremen grotesk zerreißt: Einerseits versucht sie, was brandgefährlich ist, ganz nah am Autor, am Menschen Josef Winkler zu sein. Das endet, man hätte es vorhersehen müssen, in unschöner Parodie. Adrian Furrer als Winkler nuschelt, stottert, zappelt, spinnt und trägt am Leib, was ein Journalist kürzlich als "schreiend modische Verfehlung" bezeichnete. Der Journalist beschrieb den echten Winkler. Der echte Winkler saß in der Premiere dieses sogenannten Stücks namens "Tintentod", und sein Sakko konkurrierte auf verstörende Weise mit jenem, das die Kostümbildnerin sich ausgedacht hatte. Winklers Sakko, seine Körperhaltung, seine Art, sich linkisch zu verbeugen, verhalten sich zu dem Spiel Furrers wie Original zu Plagiat. Wenn das Original aber ein schrulliger, unsicherer Mensch ist, ist das Plagiat nur peinlich, da kann Regisseurin Tina Lanik noch soviel Woody Allen herbeizitieren, was gerade gegen sie spricht. Denn Woody Allen verspottet sich selbst. Undenkbar, daß es ein anderer tut.

Aber während diese Inszenierung offenbar ernsthaft den verschrobenen Autor darstellen will, versucht sie andererseits mit Gewalt, das Komische in Winklers obsessiven Texten zu finden. Deshalb muß Furrer langwierig versuchen, sich aufzuknüpfen ("Kälberstrick" ist ja ein Schlüsselwort in Winklers Werk!), um zum Schluß doch lieber den beleuchteten Globus, mit dem er zu Anfang die Bühne betrat, symbolisch an den Galgen zu hängen. Deshalb muß am Ende an die Kirchenwand, die Magdalena Gut als Bühnen- und Kostümverantwortliche aufgestellt hat, unbedingt noch die Filmszene von Winnetous Tod projiziert werden: Kirche, Tod, Provinz und Karl May, das alles war, ganz ungenau, Josef Winklers Kindheit, wie sie in seinen Büchern beschrieben ist. Und fast die ganze Vorstellung lang flimmern auf einer Leinwand Kamerafahrten aus der österreichischen Provinz. Warum? Warum nicht?

Spätestens seit Thomas Bernhard könnte man aber wissen, daß diese spezifische österreichische Todes-, Haß- und Verzweiflungskomik um so stärker hervortritt, je ernster man den Text nimmt. Der ganze Klamauk und pennälerhafte Klimbim auf dieser kleinen Bühne, der zum Thema Wahnsinn und Provinz nur eine Art Psychotherapiesofa auf einem Stück echten Rasen einfällt, produzieren exakt das Gegenteil. Die bedrohlichen, abstoßenden Winklerschen Textkathedralen, deren assoziative Grundfarbe das Schwarzrot von gestocktem Blut wäre, werden zu einem Kleinkunst-Slapstick in H&M-Farben heruntergedimmt: Nylonhemden in Orange und Pink. Und in dem manischen Genuschel von Adrian Furrer ertrinken überdies alle poetischen Lichter ("Ich stolpere über angeschwemmte Seepferdchen"), die sich theoretisch in Winklers Texten für den finden lassen, der Geduld und ein Faible dafür hat.

Eva Menasse

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine, 2. 11. 2001
http://www.faz.de

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