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Regisseurin besiegt Autor: Josef Winkler muß leiden

Tina Lanik kontra Josef Winkler heißt es beim Schlußspiel des Steirischen Herbst in Graz: Showdown bei der Uraufführung von "Tintentod".


Allzu direkt hat die junge Regisseurin Tina Lanik den Titel ihres Auftragswerkes genommen. "Tintentod oder Du sollst dein Wort halten" heißen die 111 Fragen des Klagenfurter Germanisten Klaus Amann an den Kärntner Autor Josef Winkler - und dessen stilisiert biographische Antworten. Um sich die Jugendverbot-Filme im Villacher Kino ansehen zu können, hat der Bauernsohn aus dem Drautal - der heuer für seine römische Novelle "Natura morta" mit dem Alfred-Döblin-Literaturpreis ausgezeichnet wurde - 16jährig den Schülerausweis gefälscht: mit dem Tintenkiller.

Das scheint die gebürtige Paderbornerin als Regieanweisung gedeutet zu haben. Aus der szenischen Befragung von Josef Winkler werden weiße Blätter, die Lanik neu beschreibt. Der vorgegebene Text wurde drastisch gekürzt, redigiert, um Passagen aus anderen Winkler-Werken ("Der Ackermann aus Kärnten", "Friedhof der bitteren Orangen") erweitert - und auf Lanik-Linie frisiert.

Eingefriedeter Echtrasen mit Bewässerung, alpine Heimat-Idylle in der Schaukastengalerie, Zugabeteil mit vorbeiziehenden Video-Landschaften und Kirchengemäuer mit ewigen Lichterln (Bühne: Magdalena Gut) lullen das Publikum auf der Grazer Probebühne in Groschenheftromantik ein, die sich wichtiger nimmt als den metaphernreichen Text. Wohl leistet Adrian Furrer als dichtende Zentralfigur bei der Textwiedergabe geistige Schwerarbeit.

Doch er hätte auch ein Telefonbuch auswendig lernen und aufsagen können. Denn die Regisseurin nimmt den zweiten Part des Titels ebenfalls als persönliche Aufforderung. "Du sollst dein Wort halten" ist auf die ironische Reaktion eines Freundes gemünzt, der Winklers angekündigten, nicht vollzogenen Selbstmord lakonisch kommentiert. Da schlägt Lanik zu. Was ein Winkler nicht schaffte, erledigt sie in einem Streich, indem allen Intentionen, Offenbarungen und Geheimnissen, allen existentiellen Nöten und Aufarbeitungsversuchen des 48jährigen der Kälberstrick um den Hals gelegt wird. Der bei der Uraufführung anwesende Schriftsteller durfte aus nächster Nähe die Kastration seines Werkes erleben.

Zur Litanei verkümmern Winklers Worte. Die Attacke gegen ländliche Gläubigkeit, Gehorsam und Genitalbeschneidung, die Winkler in Anlehnung an Woody Allen den Titel "Landneurotiker" einbrachte, wird zum herunter geratschten, komischen Rap. Homoerotische Flügelschläge, Weihrauchfaßrhythmus, die Freiheit des Freitodes werden zum bloßen Dekor. Beim Würgegriff darf Liese Lyon als grenzdebile Reporterin den Intellektuellen vom Gipfel seiner Weltbeschauung in den Sumpf dumpfer Popularität ziehen. Gegen die kleinkarierte Inszenierung mit Peinlichkeiten der Superlative nützen auch Großeinblenden von Winnetous Tod wenig. Wer Winkler verstehen will, sollte zur Eintrittskarte den Originaltext verlangen.

Elisabeth Willgruber

erschienen in:
Die Presse, 2. 11. 2001
http://www.diepresse.com

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