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Vorsichtig in der Biografie gestochert
"Tintentod oder du sollst dein Wort halten" von Josef Winkler - Uraufführung mit Adrian Furrer beim "steirischen herbst"

Ein jüngerer Mann (Adrian Furrer) betritt die Spielfläche; er schleppt einen Kasettenrekorder, eine Tragtasche, unter seinen Arm hat er einen Globus geklemmt. Der Mann, den man bald als den Autor Josef Winkler identifiziert, murmelt Worte vor sich hin, Titel seiner Bücher, übt offensichtlich für einen Auftritt, ein Interview, probt sogar Applaus. Eine komische Situation.

"Tintentod oder du sollst dein Wort halten" nennt sich der Mittwoch auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses im "steirischen herbst" uraufgeführte Text des bekannten Kärntner Schriftstellers Josef Winkler (48), und der Untertitel lautet: "Über Leben und Sterben, über Schreiben und Lesen, über Kindheit und Tod, über die Liebe und über den Hass." Kein Theaterstück im üblichen Sinn. Das "herbst"-Programmbuch informiert, Ausgangspunkt des Textes sei ein brieflich geführtes "Interview", das der Klagenfurter Germanist Klaus Amann mit dem Autor für das im Grazer Verlag Droschl erschienene Josef-Winkler-Dossier machte: Auf dem Papier also nichts als kurze Fragen und verschieden lange Antworten, wie das gehandhabt wird bei Gesprächen mit prominenteren Zeitgenossen für irgendwelche Publikationen. Winkler hat eine Nachbearbeitung dieses Interviews vorgenommen, eben diese Nachbearbeitung reizte den "herbst", das Wagnis einer szenischen Realisierung zu unternehmen.

Und es ist ein Wagnis; so mitreißend und kraftvoll Winklers Sprache auch daherkommt, so böse in ihrem Sarkasmus, so tragikomisch in ihrem Umgang mit der Biografie des Autors: Die Frage bleibt doch, wie setzt man sie denn auf der Bühne für den Zuschauer spannend um, diese aus bloßen Antworten zu ahnenden Albträume, diese unzähligen kleinen, oft nur aus zwei Sätzen springenden, folgenschweren Geschichten aus einem Menschenleben, diese bloß hervorschimmernden und irgendwie zusammengehörenden Erinnerungen an Begegnungen und Begebenheiten?

Den Stücktitel lieferte eine Textstelle: "Das Geburtsdatum in meinem Schülerausweis fälschte ich mit ,Tintentod', damit ich in den Villacher Kinos die Jugendverbotfilme, die Gruselfilme mit Christopher Lee und Boris Karloff, die Western mit Franco Nero, Clint Eastwood und Klaus Kinski ansehen konnte."

Sparsam und doch den Spielraum gut nützend ist das von Magdalena Gut erdachte Bühnenbild. Zwei Räume, die Orte andeuten, der eine zitiert eine Art Zugabteil mit vorbeifliegender Landschaft, der andere das Innere einer Kirche. Oben, im über der Spielfläche schwebenden Technikerkammerl, steht im Schnee ein Weihnachtsbaum. Vorn unten wird eine Rasenfläche in frischem Grün, auf der ein Bettgestell steht, als Szenenplatz dienen.

Wohl hat die Regisseurin Tina Lanik mit dem Einsatz von Musik und Bebilderung legitime Zugeständnisse an Geduld und Aufnahmebereitschaft der Zuschauer gemacht; aber das Regiekonzept, die Beschäftigung der Künstlerin mit dem Text und seinen packenden Hintergründigkeiten, sind von großer Ernsthaftigkeit, von unspektakulärem Bemühen darum, ihn einem unbefangenen Publikum nahe zu bringen. Durch das brillant gelassene, manchmal geradezu federleichte Sprechen und Spiel, durch unaufdringliche Körpersprache und Mimik des hervorragenden Darstellers Adrian Furrer weht auch immer wieder die schwärzliche, neurotische, wahrhaftig an Woody Allen erinnernde Komik. Behutsam wird der Text aufgelöst in kleine, feine Szenen, in denen sich der zentralen Figur Partner zugesellen; die souverän in verschiedene Rollen schlüpfende Liese Lyon und der fabelhafte Kind-Darsteller Silvio Pflanzl. Vor allem im zweiten Teil der etwa zwei Stunden dauernden Aufführung gelingen schöne, abgründig komische wie berührende Verdeutlichungen. Ensemble und Autor wurden vom Premierenpublikum lange und heftig beklatscht.

Eva Schäfer-Orgler

erschienen in:
Salzburger Nachrichten, 2. 11. 2001
http://www.salzburg.com

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