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Über das Zwacken im Schuh des Manitu

Josef Winklers Bühnenerstling "Tintentod" im "steirischen herbst". - Fast wäre eine Weihestunde für Karl May daraus geworden. Seltsam.


Ein paar Tropfen Verwesungsparfüm sind immer dabei, wenn Josef Winkler seine Feder in die Tinte taucht. Nun schrieb er für den "steirischen herbst" sein erstes Bühnenwerk, versehen mit dem Titel "Tintentod" und daher auch mit der Duftmarke der Morbidität. Ein fiktives Spiel vom Fragen mit dem Klagenfurter Germanisten Klaus Amann bildet die Grundlage szenischer Selbstbetrachtungen des Kärntner Obsessionisten.

Winkler schritt in einem faszinierenden Scheindialog zur wundersamen, staunenswerten und häufig auch hochgradig amüsanten Offenlegung. Gewiss, mit gewohnter Wucht haut der sensible Wortmetz auf seine Lieblingsfeindbilder - Kirche, Pseudomoral, die Stadt- und Landneurotiker - ein, aber die listige Art und Weise, wie er mit diesen seinen Leibthemen umgeht, erinnert an die legendären Gespräche, die Krista Fleischmann mit Thomas Bernhard führte - leichtfüßig auf schwerem Boden, wissend, dass alles lächerlich ist, wenn man an den Tod denkt.

Diesen neuen, anderen Josef Winkler, der eben nicht nur mit einem Bein im Grabe und mit einem in der heimatlichen Jauche steht, sondern eine neue Balance gefunden hat, den lernt man auf dem Papier sehr gut, im Stück, uraufgeführt auf der Probebühne des Schauspielhauses, aber nur vage kennen.

Fast Food. Der allerschönste, zugleich aber auch allerschlimmste Ort sei immer noch sein eigenes Knochengestell, teilt Winkler gleich in der Eingangspassage mit; auch sein Stück ist nur ein Textskelett, aber mit welch fragwürdigen Fast-Food-Methoden wurde dieses in der Inszenierung der bisher doch so einfühlsam arbeitenden Wiener Jungregisseurin Tina Lanik aufgemästet. Eine Frauenrolle wurde dazuerfunden -soll sein. Die Dame (Liese Lyon) ist Winklers Mutter und Ehefrau in Personalunion, zwischendurch rezitiert sie aus anderen Werken des Autors und erprobt sich, dies sollte wohl der Höhepunkt der Aufführung sein, ist aber deren platter, plakativer und entbehrlichster Tiefpunkt, als Talkmasterin, die den Autor in ein hochnotpeinliches Kreuzverhör nimmt -was soll das sein?

Befremdender, ärgerlicher aber noch ist es, dass in dieser szenischen Umsetzung ein letztlich doch immer wieder von Selbstzweifel und Verzweiflung gepeinigter Dichter, der sich bereitwillig preisgibt, auch dem billigen Spott ausgeliefert wird. Der sich da, als sprachgehemmter, sich unentwegt räuspernder Kindskopf, in diesem auf mehrere Schauplätze aufgeteilten, angestrengten Kammerspiel - links mit so einer Art Wartehalle, in der Mitte mit einem Kellergewölbe oder Vestibül, darüber mit einem Glasbalkon, davor mit einem begrünten Mehrzweckgärtchen, aus dem auch die Metapher Friedhof mit dem Blaulicht der Bedeutung blinkt - aus sich heraus mitten ins Beliebige hinein toben darf.

Kopie. Bei der Darstellung der Winkler-Figur ist man um eine 1:1-Kopie bemüht; dies mag legtim erscheinen, notwendig ist es nicht. Der Tiroler Adrian Furrer meistert die Aufgabe mit großem körperlichen Einsatz, sprachlich hat er, bedingt durch die vorgegebenen Hemmungen, alle Freiheiten. Dennoch gebührt ihm großer Respekt für die Bewältigung der Sprachkaskaden.

Klarerweise konnte aus der Textflut nur ein Filtrat entstehen; bis zum Überdruss besteht dieses aus homoerotischen Essenzen und elendslang aufgerührten Reminiszenzen an die von Winkler immer wieder betonte Bewunderung von Karl May. Also werden alte Winnetou-Filme auf die Wand projiziert. Ein Stiefel, ein vorne und hinten zwackender Hausschuh des Manitu.

Nein, der Winkler‘sche "Fleischwolf der Füllfeder aus Leib und Seele", der in der Stückvorlage großen Biss besitzt, trägt in der Umsetzung lediglich lückenhafte Zahnprothesen. Hier äußert sich keiner, der uns viel zu sagen hat, hier wird geäußerlt. Die Linien eines zumindest teilweise authentischen Dramas, um das es sich letztlich doch handeln hätte sollen, werden so zittrig-zerfahren am Kern der Sache vorbeige zogen, dass die natürlich auch düsteren Dichterwolken nur wie eine zufällige, fast lästige Lufttrübung erscheinen.

Josef Winkler, dies macht seine Zerrissenheit, aber auch seine Größe aus, tut alles, um die soziale Ordnung, aus der er sich ausgeschlossen fühlt, mit Hassliebe am Leben zu erhalten. Was sich hier aber ereignete und vom Publikum mit viel Beifall bedacht wurde, ist ein Fall von Tintentod auf offener Bühne unter Missachtung einer Warnung von Winkler: "Komm! Lauf auf mich zu, du schlägst deinen Schädel an einem Grabstein ein." Ist schon passiert.

"Tintentod". Schauspielhaus Graz, Probebühne: 2., 3., 4. 11. (jeweils 20 Uhr).
Karten: Tel. (0 316) 81 60 70

Werner Krause

erschienen in:
Kleine Zeitung, 2. 11. 2001
http://www.kleinezeitung.at

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