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Im Fleischwolf der Schreibmaschine

Die mehrfach überarbeiteten Fassungen seiner Romane sind Zeugnisse einer intensiven Auseinandersetzung mit der Sprache. Deshalb gibt Josef Winkler Interviews auch bevorzugt schriftlich, weil "es sonst bei Haider beginnt und bei den Taliban endet". Im Folgenden Auszüge aus einem mit Pelikan-Füllfeder und Computer geführten Gespräch, dessen Seiten den Autor auf die Frankfurter Buchmesse, nach Wien und Graz begleiteten und das den letzten Schliff des Nachts in Klagenfurt erhielt.

Was halten Sie davon, als "Landneurotiker" bezeichnet zu werden?

JOSEF WINKLER: Ich habe das Glück, ein Heimatloser, nicht verwurzelt zu sein, also nicht festgehalten zu werden von Wurzelwerk. Es muss furchtbar sein, das Bedürfnis zu haben, "Wurzeln zu schlagen" auf einem kleinen Erdfleck. Ich kann genauso gut in Wien, Paris, Venedig, auch in Indien leben.Schon als Jugendlicher hatte ich nie das Bedürfnis, mich in eine braune Kärntner Montur mit Hirschknöpfen zu stecken. An der auf dem Dachboden liegenden rot-weiß-roten Fahne habe ich als Kind einen Knoten gemacht und Ratten gejagt, die uns das Getreide wegfraßen, Ratten habe ich nie mögen. Wenn ich heutzutage Kinder und Jugendliche sehe, die weiße Rättchen in ihren Achselhöhlen einnisten lassen, damit es die Tierchen warm haben, da denke ich: Na dann, Mahlzeit!

Wie fühlen Sie sich nach dem Lob des Literarischen Quartetts?

WINKLER: Das sehe ich botanisch. Dieses Büchlein (Anm.: "Natura morta"), dieses Büschel Petersil mit Blattgold, ist über den grünen Klee gelobt worden. Ich bin also ein Glückspilz, aber giftig, sehr giftig.

Worüber können Sie lachen?

WINKLER: Wenn meinem fünfjährigen Kind ein schönes Wortspiel gelingt oder ebenso schön misslingt, kann ich herzlich lachen. Schade, dass er nicht mehr statt Skorpion "Skorpskion", statt Muskeln nicht mehr "Mukseln" sagt. Ich habe von schönen Fehlern immer viel gehalten. Heutzutage ist der "Tintentod" als "Tintenkiller" bekannt. War Ihnen dieses Wort zu stark?

WINKLER: Als ich 16 Jahre alt war, habe ich meinen Schülerausweis mit Tintentod gefälscht, um mir die Jugendverbotfilme im Villacher Apollokino ansehen zu können. Dass man mit einem Stift, der "Tintentod" genannt wird, ein geschriebenes Wort auslöschen kann, faszinierte mich, war mir aber auch unheimlich, das Wort war weg, aber so hatte ich das Gefühl, es war dennoch da, der Tintentod hat es nur aufgesaugt, zu sich genommen. Einen Radiergummi, der auch ein geschriebenes Wort auslöschen kann, nennt man wohl eher nicht "Bleistifttod", also ist Tinte etwas ganz Besonderes. Dem Wort "Killer" konnte ich nie etwas abgewinnen.

In Ihrem Elternhaus galt Lesen als Zeitverschwendung. Was halten Sie für Zeitverschwendung?

WINKLER: Man war mürrisch, als ich den "Ölprinz" las, bis wieder einmal der Tierarzt auftauchte und meine Lektüre lobte, von da an hatte ich meine Ruhe, ich las und las. Der Historiker August Walzl, den ich als Deutschlehrer in der Handelsschule hatte, sagte einmal zu uns Schulabgängern: "Arbeiten Sie auf keiner Bank, die Bank, das ist der lebendige Friedhof!" Diesen Satz habe ich mir in der Selbstmördergrube meines Herzens hinters Ohr geschrieben.

Sie haben stets betont, sich durch Schreiben gerettet zu haben. Wovor?

WINKLER: Ich kann aus meinem Text antworten und sagen: Nein, nein, die Lebenden sollen doch nicht von den Toten auferstehen, denn bei den Toten bin ich gerne, sie tun mir nichts und sind auch Menschen, aber ich kann mich, um surreal zu werden, auch fragen, ob mich vielleicht der Fleischwolf der Schreibmaschine nicht hätte holen und ich mit 36 Bleibuchstaben im Bauch übers Heimatland hätte torkeln und irgendwo kreidebleich verschwinden sollen im tiefen Brunnen oder zehn Zentimeter über dem Heustadelboden.

Sind Sie Links- oder Rechtshänder?

WINKLER: Ich hielt die Schere in der linken Hand, blätterte Steine mit der linken Hand über die Drau, aber man nahm mir Schulanfänger immer wieder den Bleistift aus der linken Hand und steckte ihn mir in die rechte Hand. "Du sollst mit der schönen Hand schreiben!", haben sie gesagt. Das ist ihnen gelungen, ich halte heute die Füllfeder in der rechten Hand, schneide und werfe aber immer noch mit der linken. Zum Glück ist vieles schief gelaufen in meinem Leben.

Was erwarten Sie von der "Tintentod"-Uraufführung?

WINKLER: Wenn nicht mir der Himmel aufs Maul fällt, dann die anderen wenigstens peinlich von der Hölle berührt werden.

Gehen Sie gerne ins Theater? Bitte antworten Sie so, als habe Sie Ihr Sohn Kasimir das gefragt.

WINKLER: Sie überfordern mich. Aber mit meinem damals vierjährigen Sohn war ich in der "Gespenstersonate" von Martin Kusej, in der eine Frau zum Papagei mutiert. Heute noch, wenn sich mein Sohn entschuldigt, ruft er in Erinnerung an diese Szene mit Papageienstimme: "Tut mir Leid! Ja! Tut mir Leid!" Lieber als ins Theater geh‘ ich ins Kino, weil ich im Kino fast bei jedem Film weine. Im Theater weine ich nie.

Welchen Titel und welchen Plot hätte Ihr Film?

WINKLER: Den ersten in den USA 1943 gedrehten Lassie-Film mit dem Titel "Heimweh" hätte ich gerne gedreht, aber da ich 1953 geboren bin, habe ich damals noch keine Aussichten auf mich selber gehabt. Ertrinkt ein Bauernkind in einer Jauchegrube, bekommt man einen zehn Zentimeter langen Bericht in der Zeitung zu lesen. Zwei Tage später redet außer den Betroffenen niemand mehr darüber. Erst wenn ich in meinem Film "Heim-Weh" die Lassie in der Jauchegrube ertrinken lasse, wird die Welt erschüttert sein.

Was erwarten Sie von der österreichischen Politik?

WINKLER: In Österreich ertrinken jedes Jahr Bauernkinder und Bauersfrauen in Jauchegruben. Frau Waltraud Klasnic und ihr politischer Weggefährte Herr Jörg Haider sollen endlich einen anständigen Jauchegrubenerlass herausgeben.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Kleidung aus?

WINKLER: Die Kleider liegen auf meiner Haut, auf
Menschenhaut. Sie ist, ob ich will oder nicht, mir manchmal näher als ich glaube, deshalb soll die Leibwäsche besonders schön sein und mich noch lebendiger machen, als ich ohnehin bin.

Wovor haben Sie Angst?

WINKLER: Höllenangst hätte ich, wenn ich nicht den Teufel im Leib hätte.

Uschi Loigge

erschienen in:
Kleine Zeitung, 30.10.2001
www.kleinezeitung.at

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