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Wenn die Sprache zur Musik wird
Eine Hommage an den Dichter Dylan Thomas beim "steirischen herbst"

Graz - Meeresrauschen, Vogelgekreisch und vor allem höchst musikalisch übereinander gelagerte Stimmen: Olga Neuwirth, 1968 in Graz geboren, wird in ihrem neuesten Stück dem Begriff "componere" ziemlich wörtlich gerecht. Sie mixt aus Naturlauten und der sanglichen Stimme von Dylan Thomas eine kunstvolle Soundcollage, die ein ungewöhnliches Theaterprojekt des steirischen herbsts atmosphärisch begleitet: Abenteuer in Sachen Haut, benannt nach einem unvollendet gebliebenen Roman des walisischen Dichters, ist allerdings kein Musiktheater, wie es die Vorankündigung im Programmfolder des steirischen Festivals suggeriert haben mochte. Aber auch kein üblicher Theaterabend, eher schon ein Hörspiel mit szenischen Aktionen. Regisseur Peter Carp und sein Dramaturg Olivier Ortolani stellten aus Texten, Gedichten und Briefen von Dylan Thomas eine szenische Hommage an den Dichter zusammen, die der inneren Musikalitä von dessen Lyrik auf der Spur ist.

Die poetische Melancholie verflossener "Radio Days" verströmt schon das Bühnenbild, das Kaspar Zwimpfe auf die improvisierte Bühne in der Grazer Generalmusikdirektion, einem Raum für Clubbings, gebaut hat: Alte Radioapparate, deren magisch-grüne Augen zu leuchten beginnen, wenn Neuwirths Musik zugespielt wird, stehen auf dem Boden zwischen Steinen und Wasserlachen umher.

Verflochtenes Knäuel

Dazwischen schlängeln sich fünf Schauspieler (Elisabeth Kopp, Barbara Nüsse, Arndt Schwering-Sohnrey, Franz-Josef Steffens und Jörg Witte), die unter der Regie von Peter Carp in verschiedene Rollen aus den unterschiedlichsten Werken von Thomas schlüpfen. Oder sich auch zu einem simultan agierenden Kollektiv verdichten, dessen Stimmen zu einem undurchdringlichen Knäuel verflochten sind und dennoch dieselbe Sehnsucht nach dem Aufbrechen existenzieller Einsamkeit vermitteln. In den seltensten Fällen entspinnen sich dabei Dialoge, in denen die Hoffnung auf menschliche Nähe jedoch unerfüllt bleibt.

Kein Abend über Sex also, wie der Titel annehmen ließe, auch nicht bloß ein poetisches Theater, vielmehr der Versuch, kraft Dylan Thomas' Lyrik Sprache gleichsam zu Musik werden zu lassen. Weshalb die Collage auch unabhängig von ihren szenischen Folgeaufführungen - die letzte findet heute, Montag, statt - als Raum-Klang-Installation zu hören ist, bei der die Besucher mit dem computergesteuerten Kompositionsmaterial von Olga Neuwirth auch interagieren können.

Reinhard Kager

erschienen in:
Der Standard, 29.10.2001
www.derstandard.at

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