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Wie ein Stier

Porträt. Die Himmels- und Höllenfahrten des Josef Winkler: Seit einem Vierteljahrhundert umkreist der Kärntner Autor manisch die Themen Homosexualität, das Bauernland und die katholische Kirche.


Es war der ratternde Kugelkopf einer elektrischen Schreibmaschine, mit dem vor 25 Jahren das Schlachtengetümmel eröffnet wurde. In dem kleinen Weiler Kamering, auf dem Enznhof, Haus Nummer 12 (35 Tiere, sechs Kinder, acht Kruzifixe), saß Josef Winkler in seinem Zimmer im ersten Stock mit Blick auf den Stall und hackte Buchstaben, Wörter, Sätze auf weiße Papierbögen. Stunde um Stunde, monatelang. Winkler, im Dorf als Enznsepp bekannt und als "Blutarmer" verschrien, schlug seine erste Schlacht und erklärte dem bigotten, mörderischen Dorf Kamering, Gott und der (bäuerlichen) Welt den Krieg.

Mit gespenstischer Drangsal schleuderte Winkler der absolut sprachlosen Kärntner Provinzhölle in "Menschenkind", seinem ersten Roman, der 1979 erschien, seine eruptive Wortwut, seinen Katarakt der Sprache, der Bilder, der Impressionen entgegen. "Wie ein Stier", so schrieb Winkler, brülle er dabei vor Schmerz. Und: "Die Schreibmaschine wies den Weg in die Freiheit."

Kamering, auf halbem Weg zwischen Spittal und Villach im kärntnerischen Drautal gelegen, ist bis heute die Brutstätte von Winklers literarischer Obsession. Zwei Ereignisse waren es, die ihn zum Schreiben als Rettungsmaßnahme trieben: Mit 22 entdeckte er die Werke Jean Genets, jenes französischen Dichters und Gauners, der sich in seinem Werk schwule und von Schwulst nicht freie erotische Mythologien zusammenbastelte. Genet war der Urknall, in einer "Lesetollwut" (Winkler) verschlang Winkler daraufhin die Bücher von Hubert Fichte, Hans Henny Jahnn, Pier Paolo Pasolini, Georg Büchner, Paul Celan. Zum anderen war es der Doppelselbstmord der Freunde Robert und Jakob, die sich im Kameringer Pfarrhofstadel an einem Kälberstrick aufhängten. Ein Ereignis, "das meine Sprache wie ein Geschwür aufbrach". In den zehn Büchern, die Winkler bis heute veröffentlicht hat, kreisen die Bilder in einem infernalischen Totentanz immer wieder um diese rumorenden Erinnerungen, mit Wollust und Inbrunst thematisiert Winkler seit jeher seine Kindheitshölle, ein manischer Selbsterforscher im Spannungsfeld von Katholizismus, Homosexualität und Nekrophilie. "Mit dem Winkler wird es noch schlimm enden …", zischeln sich die Dorfbewohner von Kamering seit jener Zeit zu, in der Josef Winkler seinen persönlichen Krieg gegen Gott und die Welt begann.

Waffenstillstand

Momentan ist allerdings ein wenig Ruhe eingekehrt. Es scheint gerade so, als ob sich Winkler, 49 und mittlerweile verheiratet und Vater eines fünfjährigen Sohnes, für die nächste Schlacht rüsten würde. Übernervös, leicht gebeugt, blass im Gesicht und in eine schreiend modische Verfehlung eingepackt, stapelt, archiviert und ordnet er im Klagenfurter Musil-Archiv dicke Manuskriptpacken. Hier sind sie versammelt, Winklers bisherige Schlachten, zigtausende von Seiten, Romane, die bis zur Endfassung unzählige Male um-, ab- und wieder neu geschrieben werden: Die maschinengeschriebenen Manuskripte der Romane "Der Ackermann aus Kärnten" (1980), "Muttersprache" (1982), "Der Leibeigene" (1987), "Wenn es soweit ist" (1998) oder "Friedhof der bitteren Orangen" (1990) lagern ordentlich und aufgeräumt in den Regalen und erwecken den Eindruck einer Zwischenbilanz. Beim steirischen herbst wird zudem Winklers erstes Stück "Tintentod" unter großem Premierenrummel uraufgeführt. Winkler, der Blasphemist und Unglücksspezialist, versammelt in dem fiktiven Dialog nochmals sämtliche seiner Lebensthemen: Tod und Trauer, Wut und Schuld, seine waffenstarrende Welt der Kruzifixe, Oblaten und Leidenswegandachten. Das alles ist zum Staunen. Und zum Erbrechen. Und wie immer bei Winkler-Texten wird das Stück (Regie: Tina Lanik), mit "dem Fleischwolf der Füllfeder aus Leib und Seele" (Winkler) geschrieben, auf die Zuschauer einen nachhaltigen bis verstörenden Eindruck machen.

"Natura morta"

Winkler, der Höllenhund, wird auch gerade in den Himmel gelobt: Das "Literarische Quartett" pries seine jüngste Novelle "Natura morta" hymnisch, er hat für die minutiöse und üppige Schilderung eines italienischen Fischmarktes den österreichischen Otto-Stoessl-Preis und den deutschen Alfred-Döblin-Preis erhalten. "Natura morta" ist kein typisch todessehnsüchtiges Winkler-Werk, die Stigmata Homosexualität und Katholizismus sind in den Hintergrund gerückt, es ist ein - im Unterschied zum pompösen Totenkult von früher - gehöriges Quantum prallen Lebens zwischen den Buchdeckeln zu finden. Nur Piccoletto, ein junger Fischverkäufer, kommt gewaltsam zu Tode. "Einen Toten wird man mir wohl noch vergönnen", sagt Winkler und nestelt fahrig an einem seiner Notizbücher herum, die während einer siebenmonatigen Reise nach Indien entstanden und in den Roman "Domra - Am Ufer des Ganges" (1996), eine sprachmächtige Moritat, in der Winkler 250 Seiten lang die brennenden Scheiterhaufen von Benares beobachtet, verarbeitet worden sind. Hier zeigt sich das "Obsessionshafte" des Josef Winkler, von dem die Jury des Döblin-Preises beeindruckt war: Wie ein Volksschüler, der gerade das Lesen erlernt, fährt der Zeigefinger die Zeilen entlang, Winkler liest stockend, in liturgischem Rhythmus, Wort für Wort die Notizen aus Indien vom Blatt: "Deutlich konnte man im offenen Mund die berußten Zähne und das aufgebrochene, schmorende Lippenfleisch sehen. Ihre Augenhöhlen waren leer und schwarz … Mit der Bambusstange zertrümmerte der Domra einen brennenden, fingerlosen, an der Spitze rauchenden Unterarm, der sich in die Höhe gebogen hatte."

Später, in der Klagenfurter Wohnung, nach einem Besuch der Grabstätte des Schriftstellers Julien Green in der Stadtpfarrkirche St. Egid, wohin er jeden Freitag mit heiligem Ernst pilgert, wird Winkler - ganz der Bauernbub von einst - immer wieder aufgeschreckt vom Sessel springen, in die Tiefen eines klobigen Holzschranks greifen und, anstatt wortreiche Erklärungen abzugeben, ein Ding nach dem anderen zutage fördern: Unmengen an Tonbandkassetten mit indischer Musik, zerlesene Bücher und Zeitungsausrisse, die ganzen Lust- und Qualbilder, das ganze Außenseiter- und Leidenspathos. Mit jedem neuen Stück aus dem Schrank unterstreicht Winkler einen Satz von Marieluise Fleißer: "Lebenmüssen ist eine einzige Blamage."

Durch den sich nun langsam einstellenden Erfolg sei er aber doch auch ruhiger, selbstbewusster geworden, meint Winkler in einer stillen Minute, geblieben sei aber bis heute diese Gier nach Interessantem, nach Schönem, nach Dunklem. In "Tintentod" zitiert Winkler dazu seinen Säulenheiligen Jean Genet: "Er kann nur in Bewegung existieren, wenn er damit aufhört, ist er tot" - und meint damit selbstredend sich selber. Immer diese Gier: Bereits in "Menschenkind" war kein sich entwickelnder Erzählvorgang zu lesen, Winklers Prosa beschwor inbrünstig Sakrales, Sexuelles, Unflätiges und Erhabenes. Ein vollkommen neuer Ton, der nichts mit der "Anti-Heimatliteratur" eines Franz Innerhofer ("Schöne Tage", 1974) mehr gemein hatte: In einem Assoziationsrausch, in endlosen Partizipketten und ständigen, um sich selber kreisenden Wiederholungen, in einem Dickicht schräger Bilder und einem Exzess an Metaphern schilderte Winkler die Gespensterwelt seiner Kindheits- und Jugendjahre auf dem Bauernhof seines despotischen Vaters.

Knochensammler

Nur in "Natura morta", in dem Indienroman "Domra" und in dem "Zöglingsheft des Jean Genet" (1992), einer sprachbesessenen Hommage an den hl. Genet, entfernte sich Winkler kurzzeitig zumindest räumlich von jenem dunklen Kosmos Kamering, jenem verlorenen Paradies, das er mit gewaltigen Anfällen von Blasphemie - Blut, Sperma, Speichel und Sex mit seinen leibhaftigen Eltern sind die Chiffren von Winklers Prosa - und barocker Todessehnsucht immer wieder mit seiner "Waffe, der Sprache", umkreiste. Ein Waffenstillstand mit Kamering ist nicht in Sicht. Für den "Erzähler und Knochensammler", für den "verbalen Bildhauer" Winkler herrscht noch immer sein ganz persönlicher Krieg. Auch wenn momentan gerade kein Schlachtenlärm zu hören ist.


"Tintentod"

Premiere 31.10., Probebühne des Schauspielhauses Graz, Regie: Tina Lanik, 20 Uhr Info-Tel.: 0316/82 30 07, www.steirischerherbst.at
Die Bücher von Josef Winkler erscheinen im Frankfurter Suhrkamp Verlag.

Wolfgang Paterno

erschienen in:
profil, 28. 10. 2001
http://www.profil.at

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