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Der Magen rebelliert
Dem »Musikprotokoll« im Grazer Festival »Steirischer Herbst« ist der Gegenstand abhanden gekommen

Mit Kunst unter Bedingungen einer fortschreitenden Verhäßlichung der Welt hatte das renommierte Grazer Festival »Steirischer Herbst« bislang wenig am Hut. Nun, nachdem die scheußlichen Events unter blauem US-Himmel die weltweite Leichengiftproduktion blitzartig gesteigert haben, steigen zugleich Ideen aus den Trümmern der ästhetischen Totenhäuser, von denen man eben noch glaubte, sie seien restlos erledigt. Zumindest die Festivalführung gedenkt, wer hätte das gedacht, des Verhältnisses von Kunst und Neoliberalismus in ausführlichen Programmstatements. Der Steirische Herbst 2001, verspricht etwa Peter Oswald, wolle eingefahrene Wege verlassen. Experimentelle Kunst, Domäne des Festivals, solle einer »neuen Radikalität des Subjekts« Raum schaffen. In der Postmoderne hätte dieses Subjekt seinen Niedergang und endgültigen Tod erfahren (Einer der Totengräber war auch der Steirische Herbst). Daher müsse es als »neu radikalisiertes Subjekt« wiederauferstehen. Immer krasser zeige sich: »Alles Subjektive soll als folkloristischer Reiz in die weltweite Effizienzmaschine eingebaut und damit domestiziert werden« (Auch der Steirische Herbst hat daran kräftig gearbeitet). Eine »zweite Moderne« könne zur Wirklichkeit werden. Neorevolutionär-futuristisch klingt die Schlußapotheose: »Gegen die Zumutungen an das Ich. Gegen die Zwänge eines gnadenlos gobalisierten Kapitalismus. Gegen den Populismus jedes politischen Reduktionismus. Das Subjekt rebelliert.« Marinetti hätte es nicht besser formulieren können. Kalter Kaffee oder ernstliche Selbstbefragung?

Das viertägige »Musikprotokoll«, Teil des Grazer Festivals, steuerte in Richtung kalter Kaffee. Sein Untertitel: »The social dimension of soundwaves«. Programmlich kamen kontroverse, widersprüchliche Möglichkeiten der Klangerzeugung zum Zuge. Einmal obligatorisch Kammermusik, zum anderen obligatorisch Performance, Multimedia, Interaktion, auch audiovisuelle Kreationen in riesigen Räumen (etwa im Grazer »Dom im Berg«).

Wer hinter der »social dimension« kritische, modellhafte Bestrebungen, die auf eine andere Lebenspraxis wiesen, erwartete, der sah sich getäuscht. »Vierkanalige Klangplastik« nennt Komponist Johannes Sistermann seine unsoziale Ausstatterarbeit »... in dem Raum stimmen«. Die Performance bringt schlummernde Akustika eines Hotelzimmers in Erregung: das Quietschen des Weinglases auf der spiegelglatten Tischplatte, das Gezisch der Spraydose, das laue Wasser aus dem Edelmetallhahn. Und ehe das alles anläuft ... Wenn es Diebstahl gibt in der Kunst, dann in solchen überflüssigen Dingen, die Ohr und Auge beleidigen.

Die meisten der Schriftzüge des »Musikprotokolls« hatten ihre spezifische Dehnung. Das hängt mit dem Mangel an Arbeit zusammen. Der Gegenstand ist abhanden gekommen. Was zählt, sind die Soßen, mit denen Soziophänomene aus dem bürgerlichen Leben getüncht werden. Und je länger dieselben, desto quälender die Langeweile. Rebellieren des Subjekts?

Sozialbefunde, die an den Nerven der Menschen rühren, die Leid, Elend, Unterdrückung, Benachteiligung akkumulieren, suchte man vergeblich. Geldfressend und leistungstötend in einem auch die Performance »a sophisticated soirée«. Sie potenziert die Exklusivität einer Nachtbar, indem sie die Schläge von 64 Herztonschrittmachern, geheftet an 64 Menschenleiber, verarbeitet, fünf Elektronik-Spieler einsetzt, dazu ein Jazztrio, fünf Monitore, zwei Videowände, einen Ü-Wagen, sechs Einlasser, die die Besucher datenmäßig erfassen, zwei Vernetzerinnen, die die Herztonschrittmacher an die Leiber kleben, sechs Paparazzis, die, wenn es so weit ist, wild um sich blitzen, schließlich 17 Feuilletonschreiber, welche allesamt ihr Loblied auf diese anti-soziale Äcktschen schon vorher fertig im Kopf haben. »a sophisticated soirée« ist überdies Produkt eines Teams von Designern, die, je mehr sie arbeiten und eingeben, desto weniger substantiellen Output haben. Kunst wider die Zumutungen an das Ich? Das »Musikprotokoll« ist weit davon entfernt.

In anderer Art liegt Jakob Ullmanns »Komposition für Streichquartett 2« auf der Grenze zum Unhörbaren. Ergebnis ist ein sprachkritisch fundiertes, beredt schweigsames Stück, das interpretatorisch durch die langen, fast unhörbaren Haltetöne seine Tücken hat. Das Arditti Quartett musizierte es genauso vorzüglich wie »Spur« für Streichquartett und Klavier von Beat Furrer. Furrers jüngste Partituren geben eine Vorstellung davon, wie lebendig und sinnlich, wie gedankenreich Neue Musik sein kann. »Spur« steht quer etwa zur Ullmann-Quartettkomposition, die ihre Spuren in der Wüste hat und gleichsam nur noch einzelne Sandkörnchen als Noten in die Partitur einträgt. Furrer schrieb hingegen ein Stück der permanenten Setzung von Spuren, solchen, die zwar verwehen und verwischen können, aber niemals verschwinden.

Unbedingt zu erwähnen ist »In vain« für 24 Instrumente und neun Cyberlights von Georg Friedrich Haas und der Lichtdesignerin Katja Krusche, aufgeführt vom Klangforum Wien unter Emilio Pomárico. Denn »In vain« brilliert als ein verklärt-romantische Bild-Musik-Utopie. Die Komposition setzt permanent diatonische Skalen, Dreiklänge, mikrotonale, durchbrochene Septakkorde, Bläserchöre à la Richard Wagner und koppelt diese mit einer bunt-infantilen geometrischen Welt. Wenn »In vain« etwas verdient, dann das Prädikat Edelkitsch. Hat da jemand nach einer »zweiten Moderne« gerufen, opponierend gegen die Kunst- und Subjektfeindlichkeit eines gnadenlos globalisierten Kapitalismus? Mein Name ist Haas, ich weiß von nichts.

Stefan Amzoll

erschienen in:
junge Welt, 27. 10. 2001
http://www.jungewelt.de

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