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Da hilft kein Winken, hilft kein Schreien
Der Steirische Herbst entdeckt das Subjekt

«Das Ding Ich» steht in grossen Lettern auf Rémy Zauggs Transparent am Grazer Joanneum, das Basler Klara-Theater veranstaltet eine «Ich- Jagd», und der Steirische Herbst erlegt das Subjekt mit weidmännischer Entschlossenheit. Verschollen in den Zeiten der Postmoderne, «gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt» (Jörg Schlick) und in Graz wieder auf eine Lichtung getreten - das Subjekt steht an der Mur und muss sich gleich die Parolen seiner Rettung anhören: «Gegen die Zwänge eines gnadenlos globalisierten Kapitalismus. Gegen die unbedachten Verheissungen der Biotechnologie. Gegen die Populismen jedes politischen Reduktionismus.» Wenn der Steirische Herbst versucht, die «Zumutungen an das Ich» auf den Punkt zu bringen, mischt sich das pathetisch Ungefähre mit einer neuen Ungefährlichkeit. Auch wenn man noch eins draufsetzt: «Das Subjekt rebelliert!» Mag vielleicht das Subjekt rebellieren, der Steirische Herbst tut das heuer weniger denn je. Bei einem Symposion über Biopolitik wurden die Deformationen des Ichs durch die neuen Gen- und Biotechnologien wenigstens auf dem gegenwärtigen Stand der Debatten diskutiert, in der beim «Herbst» präsentierten Kunst allerdings ist das Subjekt nicht selten Tarnungszweck des Mediokren.

Und so muss dem Gezeigten durch theoretische Kraftakte aufgeholfen werden. Das Plakative dieser Formeln skandalisiert Graz nicht einmal mehr auf den Plakaten. Und die gehörten bisher noch zum Mindesten, was das Festival als Beitrag zur katalysatorischen Gemütserregung der steirischen Hauptstadt beizutragen hatte. Dass Graz gerade als Zurüstung für den Titel «Europäische Kulturhauptstadt 2003» den Hauptplatz neu bepflastert, ist noch eines der wenigen aufwühlenden Ereignisse.

Wenn in der Postmoderne der Tod des Subjekts gefeiert wurde, so ist seine durch den Steirischen Herbst propagierte Auferstehung vielleicht nur eine besonders geschickte Form der Tautologie. Das künstlerische Subjekt ist nicht verschwunden, sondern verbirgt sich, wenn überhaupt, hinter der verschleiernden Form seiner Omnipräsenz. Es ist überall, und es hat einen Namen: Gerhard Rühm. Der 71-jährige Schriftsteller, Komponist, Zeichner und Chansonnier erlebt in Graz die Renaissance seines Multitalents. Das Mitglied der legendären Wiener Gruppe hat das Festival mit einer Rede eröffnet, ihm ist eine Ausstellung gewidmet, ein Puppenspiel stammt ebenso aus seiner Feder wie ein Chanson-Abend, und er tritt mit Werken auf, die seiner Liebe zur ernsten Musik entspringen. Gerhard Rühm verkörpert ein glorreich diversifiziertes Ich, das er seit der Mitte der fünfziger Jahre auch immer wieder einmal bündelt.

Seine «Ich-Bilder», bei den Minoriten in einer Ausstellung über seine «visuelle poesie visuelle musik 1954-2001» zu sehen, schreiben das Furioso menschlicher Eitelkeiten in Collagen fort: das «Licht» ist ja auch nur die morphematische Erweiterung des Ichs, genauso wie das «Dich». Die Welt um uns herum ist dann nur der Abklatsch jener Klatschspalten, die Rühm in seinen «Wahren Geschichten» collagiert. Mit «Melogrammen», Zeichnungen auf Notenpapier, lotet Gerhard Rühm noch einmal aus, was er auch schon mit den Lauten getan hat, ein neu geschaffenes Körper-Alphabet beschliesst Rühms kategoriale Betrachtungen zur Frage nach Subjekt und Objekt, und die abgründige Trauer, die er auch in einem «Leselied» festgehalten hat: «Da hilft kein Winken / hilft kein Schrein / treibt man im Weltenraum / allein.» Liebe und Verbrechen werden bei Rühm dann noch durch herzergreifende Chansons und durch eine innere Verwandtschaft verbunden: Beides lohnt sich nicht. So ist es zu hören an Rühms Liederabend über jene schaurigen Emphasen, die man sich anderswo verbittet. Die von Peter Weibel kuratierte Ausstellung «Im Buchstabenfeld» sieht den «Autor als Algorithmus und den Leser als Navigator», die Buchstaben haben ein «neues Gastmedium» gefunden und fühlen sich dort offensichtlich auch nicht unbehauster als zwischen Buchdeckeln.

Als Reminiszenz an antiquierte Formen präsentiert Ken Feingold seinen Touchscreen als Folianten, und Masaki Fujihata treibt sein theoretisches Spiel mit der althergebrachten papierenen Praxis. Beim Umblättern eines auf eine Tischplatte projizierten Buches (Doppelklick) werden Geschichten virtuelle Wirklichkeit, vom Apfel bis zum schönen Ende: Eva. Mit Turbo Pascal schreibt Franz Josef Czernins und Ferdinand Schmatz' Poesieprogramm «Poe», vom «Assoziationsblaster», den Alvar Freude und Dragan Espenschied entwickelt haben, über Adolf Mathias' «Lacan'scher Flasche» bis zu Michael Lentz' konventionellen Anagrammen reicht der Bogen technisch generierter Texte. Was bei Mallarmés Ideen begann, führt herauf zu hochgerüsteten Schnittstellen, an denen sich das Verhältnis zwischen Autor, Leser und Text verschiebt, bis das eine vom anderen, das Subjekt vom Objekt nicht mehr zu trennen ist. Auch darüber noch der anagrammatische Stossseufzer des Ichs: «aide moi - o media!» (Ecke Bonk).

All die Freude über das wiederentdeckte Ich mündet beim Steirischen Herbst dann doch auch in einen gelinden Schrecken. Denn es gibt sie, die Tücke des Subjekts. Die höchst instruktive Ausstellung «Architektur und Verbrechen» im Forum Stadtpark erzählt von den Fortifikationen, mit denen seit den ägyptischen Pyramiden das Vermögen die Diebes- ebenso wie die Schlosserkunst herausfordert - es ist ein ewiges Ein- und Aussperren in dieser Welt. 1787 entwirft Jeremias Bentham mit seinem Panopticon das ideale Gefängnis, und in den 1960er Jahren schliesst sich die Gesellschaft des Elends und Verbrechens gleich selbst in eine für solche Verhältnisse geradezu ideale (Wohn-)Anlage. Im Hongkonger Knowloon leben auf einer Grundfläche von zweihundert mal dreihundert Metern 35 000 Menschen. In der Autostadt Detroit steht indessen das einstmals hochnoble Zentrum leer. Hier verschieben sich die Ballungsräume auch an die Peripherie der Moral. Und die Ausstellung liefert damit das Zeitbild zu jenen erodierenden Wirkungen, in denen sich der Zustand des Subjekts vielleicht am besten ablesen liesse. Für die Kunst allerdings bleibt es vorerst beim Intendanten-Pathos. Peter Oswald: «Eine ÐZweite Moderneð kann zur Wirklichkeit werden.»

Bis 4. November. «Im Buchstabenfeld», bis 25. November. Als Buch zur Ausstellung: Im Buchstabenfeld. Hrsg. v. Peter Weibel. Droschl-Verlag, Graz 2001. 416 S., Fr. 14.-.

Paul Jandl

erschienen in:
Neue Zürcher Zeitung, 27. 10. 2001
http://www.nzz.ch

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