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Wie stehen die Aktien?
Literarische new economy auf www.literaturboerse.com

Fange einen Papageien, lehre ihn ,Angebot und Nachfrage, zu sagen, und schon hast du einen Ökonomen", notierte der Ökonom Joseph A. Schumpeter 1931 in sein Tagebuch. Wo Angebot und Nachfrage sind, ist der Markt nicht weit. Heute - so versucht man uns weiszumachen - sind wir schließlich alle Investoren in die Ich-Aktie und Player in der "Ökonomie der Aufmerksamkeit", im Markt der (Liebes-)Beziehungen auch. Die Kampfzone, schreibt Houellebecq, ist ausgeweitet. Der Markt - die Diskussionen um die Buchpreisbindung und die Frage, ob es sich beim Buch um eine Ware wie jede andere handle, beweisen es - macht auch vor dem Literaturbetrieb nicht halt. Das Projekt www.literaturboerse.com des "steirischen herbst" und der Feuilletonzeitschrift schreibkraft versuchte nun, fünf Monate lang die Einmischung des lärmigen Marktes ins stille Feld der Literatur zu beleuchten, wo nun "Künstler" plötzlich auch "Marktstrategen" sein sollen. Und das geht so.

Statt mit Wertpapieren wird an der Literaturbörse mit Texten gehandelt. Der Investor loggt sich auf der Internetseite ein, holt ein virtuelles Grundkapital von 10.000 Euro ab und investiert in die 40 Texte so renommierter AutorInnen wie Elfriede Jelinek oder Franzobel. Aber auch eher unbekannte Newcomer wie der 1975 geborene Björn Kuhligk sind mit von der Partie. Eingereichte Texte wurden von der "Börsenaufsicht", einer Jury aus Kritikern ausgewählt, die zugleich als Großinvestoren und Anlageberater fungieren. Diese Jury setzte den Emissionswert der einzelnen Titel fest und spricht Empfehlungen aus. Die Jurymitglieder verfügen zudem über ein vielfach höheres Grundkapital und können so - den Banken an der Börse nicht unähnlich - notfalls die eigenen Empfehlungen bestätigen. Bis zum 31.10 wird noch gehandelt und anlegerischer Gewinn und Verlust erzielt.

Einige Trends lassen sich jetzt schon ablesen. Junge und unbekannte Autoren (Start-ups) konnten höhere Kursgewinne einfahren als bekannte Autoren (Mega-Konzerne). Autoren, die in Internetforen oder Mailinglists Werbung oder andere PR-Aktivitäten für ihre Texte lancierten, oder sonstwie Lobbying betrieben, konnten den Kurswert ihrer Texte ebenfalls steigern. Schwieriger war das Verhalten der Anleger (bis jetzt ungefähr 700 UserInnen) zu erklären, das zu wildesten Ausschlägen und Zusammenbrüchen einzelner Aktienwerte führte. Scheinbar haben sich die Anleger wie an der "richtigen" Börse nicht primär an der Güte der Texte, sondern an steigenden und sinkenden Kursen orientiert.

Meine emotionale Bindung an Texte, die mir gefallen, ist westenlich größer. Jedenfalls halbierte sich innerhalb von kürzester Zeit mein Grundkapital. Zu denken hat mir das nicht gegeben.

Das Projekt läuft noch bis zum 31. Oktober 24 Stunden am Tag. Am 2. November ab 19 Uhr findet im Grazer Forum Stadtpark eine "Content Presentation" statt, in der die Gesamtgewinner eruiert und einige Autoren lesen werden. Am 3. November findet ebenfalls im Forum Stadtpark ab 14 Uhr das "Business Meeting" statt, in dem ein hochkarätig besetztes Podium (unter ihnen Bachmannpreis-Juror Burkhard Spinnen und der Verleger Max Droschl) über den Marktwert von Literatur reflektieren. (Weitere Infos unter www.literaturboerse.com).

Stefan Gmünder

erschienen in:
Der Standard, 27. 10. 2001
http://www.derstandard.at

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