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Jäger und Sampler
Das Klara Theater auf Ich-Suche beim Steirischen Herbst in Graz

Manch einer verstand nur Bahnhof bei „Alle Jäger danke“, tief drinnen in den Stollen des Grazer Schlossbergs. Dort, wo NS-Truppen einst ihre Sprengstoffvorräte bunkerten, bieten sechs Darsteller, dazu ein Hirsch mit gestricktem Fell, ein mannsgroßer Eisberg auf Rollen und viele Styroporquader eine hellsichtige und bisweilen urkomische Nummernrevue in der Regie von Christoph Frick.

Ihr Thema ist die öffentliche Inszenierung dessen, was gemeinhin als das private Leben gilt. Ihre Geschichten spielen Jo Dunkel, Anna Geering, Monika Klengel, Helmut Köpping, Dominique Rust und Martina Zinner immer wieder an, um sie mit einer unerwarteten Pointe wieder zu verlassen. Die Aufführung baut keine durchgehende Erzählung, sie reiht assoziativ, was auseinanderstrebt und doch zusammengehört.
Facetten aus dem Alltagsleben werden im Theatermaßstab vergrößert, gesungen, gespielt, verdichtet und wieder in Frage gestellt. Brüche bleiben als Brüche sichtbar. Es entsteht ein Theater, in dem die Ausdruckselemente Gestalt, Aktion und Sprache sich verselbständigen, teilweise sogar gegeneinander arbeiten. Der Anspruch auf gültige Nachahmung des Lebens, jenes Theater der naturidentischen Aromastoffe, ist längst aufgegeben. Partielles Unverständnis, aber Bahnhof scheint in Graz doch keine schlechte Adresse zu sein.

Das dortige Theater im Bahnhof, das Festival Steirischer Herbst und diejenigen, die die Fleischtöpfe verwalten, aus denen in Graz die Anstrengungen zur Europäischen Kulturhauptstadt 2003 alimentiert werden, taten sich zusammen mit einer der spannendsten Off-Theatergruppen des deutschen Sprachraumes, dem Basler Klara Theater. Seit „Klara! - ein Melodrama“ (1991) unternimmt die Gruppe regelmäßig theatralische Erkundungen am zeitgenössischen Lebensgefühl – mit viel Witz und ohne Betäubung. Die Arbeit in Graz ist als echte Koproduktion zustande gekommen, kein Festivaleinkauf im Überflug, sondern Bodentruppen mit Basiskontakt.

Was beide Seiten eint, ist der ironische Blick auf die Provinz wie das Globale. Graz und Basel gleichen einander als betont schmucke, überschaubare Städte. Bisweilen werden Störfaktoren wie etwa „aggressives Betteln“ per Dekret aus der Postkartenperspektive verbannt. Doch die Provinz als inszenierte Alltagskultur ist eine Erscheinung der Moderne. Der Gamsbart wächst nur auf der Speckseite der Globalisierung.
„Alle Jäger danke“ fahndet, wie der Untertitel vermerkt, in einer Art „Ich-Jagd“ nach der gegenwärtigen Daseinsverfassung, dem postfordistischen Subjekt, dem flexiblen Menschen, oder wie immer man es nennt.

In der „diffusen Grundstimmung einer neoliberalen Gesellschaft“ verlagern sich alle Souveränitätsanstrengungen in das so genannte Private. Hier sollen sie noch intakt sein, die Reservate der Einzigartigkeit, in denen sich Ich sagen lässt. Doch als Ressource der Selbstvermarktung verliert das Private den Charakter eines Schutzraumes für ein unverstelltes Sein. Das Leben wird zur Casting-Situation, in der alle für das Unternehmen „Ich“ werben.

Die Inszenierung nimmt das alles wörtlich. Die Darsteller sprechen vornüber gebeugt in leere Umzugskisten. Das ist das Kreuz mit der Identität: Wie man hinein ruft, so schallt es heraus. Als unvermittelte Selbstschöpfung bleibt sie eben tautologisch. Und wo das private Leben und die innewohnenden Lebensabschnittspartner die Teilhabe am Glück verweigern, kann man immer noch shoppen oder zum Motivationsmanager gehen.

Ein jeder hat ein Lied in sich, heißt es beim finalen Identitätskaraoke. „Liebe, Freiheit, Haben, Wollen“, stammeln die Kandidaten. Die Studien des Klara Theaters zur markwirtschaftlichen Neurasthenie gehen weiter, vom 12. bis 16.11. am Theater Basel.

Uwe Mattheis

erschienen in:
Die Süddeutsche Zeitung, 25.10.2001
www.sueddeutsche.de

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