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Und alle suchen sie das Ich
Kritik: Drei unterschiedliche Uraufführungen beim steirischen Herbst.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, die bisherigen herbst-Theaterproduktionen. Da gab es zum Auftakt „Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen“, von Händl Klaus geschrieben und uraufgeführt – ein Theaterkunstwerk. Der Doppelmonolog für zwei großartige Schauspieler (Olivia Grigolli und Bruno Cathomas) wurde ausgetragen in einer riesigen Halle, in der sich ein Dutzend Musical-Darsteller leicht verlaufen könnte. Eine mutige Erwanderung von Bildern, die einem Text, dem man vertrauen kann, folgte.

Der Russland Salon

Mit Vorschusslorbeeren – Nestroy-Preisnominierungen für Regisseur Georg Staudacher und Schauspieler Simon Hatzl – ausgestattet war die Uraufführung von Robert Wolfs „Der Russland-Salon“. Nach der Premiere im kunsthaus muerz übersiedelt man in den Rabenhof (ab 28. 10.).

Der Autor kann seine Wurzeln nicht leugnen: Da liest man Werner Schwab, dort Wolfi Bauer heraus. Was kein Fehler wäre, hätte Wolf den Vätern etwas entgegen zu setzen oder hinzu zu fügen. Doch bleibt dieser Text leblos und formal und wirkt wie die Weiterdichtung einer guten, aber mit Ablaufdatum versehenen Theatergeschichte.

Auch thematisch betrachtet ist es erstaunlich, wie alt das Stück eines jungen Autors sein kann. Ebenfalls vorbildverliebt, findet hier eine klassische Familienhölle statt, die sich um ein Testament und Dostojewski dreht.

Verzweifelt wirken Staudachers Versuche, diesen Text modisch und klischeehaft aufzupeppen. Er zeigt zu Beginn Rainer Frieb als Professor Vogel beim Schachspiel: „Niedergemetzelt“ (kicher, keuch, hust), „liquidiert“ (kicher, keuch, hust) „wollt ihr den totalen Krieg“ (hustet ins dreckige Geschirrtuch, da wird einem schon schlecht). Im schmuddeligen Bademantel, mit russischer Pelzkappe und Hornbrille ausgerüstet, gibt er den grauslichen Alten, der sein Testament machen, eigentlich aber alle überleben möchte. Jaja, Unmengen von Zigaretten und Wodka inklusive.

Hinzu kommt Kathrin Beck, ein Tochter-Täubchen von einer Eisprinzessin. Sie setzt ihn schachmatt, ist testamentsgeil und gedemütigt sogleich. Jaja, da liegt Inzest in der Luft. Immer noch ist man versucht, dem Spiel etwas abzugewinnen: Simon Hatzl, der pseudointellektuelle, ungeliebte Sohn reitet ein Babymobil. Kostümiert als Superman-Luzifer-Pirat, zieht er ein Wagerl mit Nazikreuz-etikettierten Flaschen nach. Jaja, ein Waschlappen. Roswitha Soukup muss als Hausdienerin mit Atemschutzmaske und Megaphon antreten, und der Reigen der immer peinlicher werdenden Kinkerlitzchen fängt erst an – dass im Text („. . .2974 Körperteile verschollen“) und als Regie-Einfall Flugzeuge abstürzen, fällt da unter unsensible „Kleinigkeiten“.

Alle Jäger Danke

Die wunderbare, weiträumige Kulisse „Dom im Berg“ nutzen das Theater im Bahnhof Graz und das Theater KLARA aus Basel für ihre Koproduktion. „Alle Jäger danke“, eine Art Ich-Jagd, sucht das Ich allererst im Publikum. „Wir haben die Vorstellung schon am Vormittag gespielt, aber wir warten, bis die letzten gehen“. Klingt nach schlechtem Gag, istaber gut gemacht.

Zu verstärktem Sound, in blau-oranges, mystisches Licht getaucht, beginnen die in obskuren Kostümen steckenden Jäger, einen riesigen Styropor-Würfel abzutragen. Dahinter kommt ein baustellenartiges Land („mit den besten Würsten und der besten Luft“) zum Vorschein. Mit aberwitzigen Utensilien, in wunderbar assoziativen Bildern und Gedankenfolgen legt das Ensemble (Monika Klengel un Helmut Köpping!) heutige Themenstränge frei, zieht mit anarchistischer Kraft und schwarzem Humor durch den Klischeewald mit Gameshow, Kochstudio, Outing, Selbstdarstellung und Karaoke –feinfühlig und brachial zugleich. Work in progress, sicher, aber: Außerordentlich spannend!

Caro Wiesauer

erschienen in:
Kurier, 23.10.2001
www.kurier.at

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