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Eine Treibjagd auf das Ego
Theater beim steirischen herbst: "Alle Jäger Danke" und "Der Russland-Salon"

Der Beginn lässt erschaudern. "Wir haben die Vorstellung schon gespielt", ruft einer nach intensiver Publikumsbetrachtung in der Schlossberg-Kaverne, die alle in Graz "Dom" nennen. Entrücken zusammengespannte Off-Theater bei ihrer mit Festivalweihen versehenen Ich-Findung zur pseudomodernistischen Innenschau? Zum Glück nur partiell, wiewohl die aus Alltag und Volkstheater-Elementen geschöpfte spielerische Leichtigkeit, die dem Grazer "Theater im Bahnhof" und dem Baseler"Klara" eigen ist, sich erst mit Zeitverzögerung entfalten kann. Ein in Turnschuhen und Tracht gewandetes Sextett dekonstruiert einen Styropor-Riesenbaukasten und sinniert über die eigene Befindlichkeit: "Ich bin ich, ich, ich."

"Alle Jäger Danke", inszeniert von Christoph Frick, berichtet ausschnitthaft von der Suche nach (Lebens-)Glück, vom Scheitern, dem Sich-Selbst-Belügen und Ausweichen zu Simulationstechniken, vom berauschenden Gefühlsstakkato mit dem bitterherben Nachgeschmack. Aufgebaut ist die Kooperation des steirischen herbstes mit den beiden freien Theatern als Nummern-Revue mit starken Qualitäts-Schwankungen: In den besten Momenten berühren entlarvender Witz und rotzfreche Naivität, doch immer wieder schlägt die Grelle in Plattheit, der Humor in billigen Klamauk, das Unkonventionelle ins Unbeholfene um: Zwischen mobilen Berggipfeln blasen die optisch an eine Kreuzung aus Daktari und Geierwally erinnernden Akteure zum - häufig musikbegleiteten - Halali: Turbulenz überschattet, stört die Wirkung der szenischen Treibjagd.

Von großartigen Monologen (Monika Klengel) über die verunglückte Heimwerkerparade zum zu langen Karaoke-Finale: Nach 90 Minuten wird klar, wir haben alle einen Binkel zu tragen. "Alle Jäger Danke" ist weitgehend frei vom Geruch konventionellen Theaters, euphorisierend ist das Spiel über das Sich-Begehren und Sich-Verfehlen nicht: Beide Gruppen haben schon aufwühlendere Produktionen geboten. Ob der Dialog die Widerspenstigkeit getrübt hat? Eine andere Jagd, die nach einem Testament, präsentiert der 36-jährige Grazer Autor Robert Wolf mit seinem Stück "Der Russland-Salon". Der Haussegen hängt schief, die Bücherregale auch und das Kruzifix dreht sich wüst im Kreis: wer beerbt bloß Prof. Vogel?Die Aussicht auf materielle Befriedigung macht aus dem zwischenmenschlichen Geflecht eine einschneidende Fessel: Sohn und Tochter trachten nach dem Leben ihres Erzeugers, auch die Hausdienerin hat ausgeprägte pekuniäre Interessen. Im Salon der unterkühlten Menschlichkeit rächt sich der sadistische Pelzhauben- und Bademantelträger mit Hasstiraden. Georg Staudacher inszeniert die skurrile Familienhölle mit viel Rasanz und wenig Angst vor Überspitztheit, Rainer Frieb gibt einen herrlich kauzigmisanthropischen Despoten. Wolfs eigentümliche, sprachlich hergebrachte Posse über menschliche Abgründe endet mit einem Zukunftsausblick. Keine Frage: Der Alltagshorror geht weiter.

Martin Behr

erschienen in:
Salzburger Nachrichten, 22.10.2001
www.salzburg.com

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