[ programm ]


[ kalender ]



[ forum ]

[ tickets ]



[ steirischer herbst ]


[ info ]


[ homepage ]

[ suche ]




« zurück zur Liste

"Gene können nicht erfahren werden"

Beim Steirischen Herbst in Graz befaßte sich ein Symposion mit "Genpool, Menschenpark, Freizeitkörpern". Vor allem Kulturwissenschaftler plädierten heftig gegen "Gengläubigkeit".


"Normale Tomaten enthalten keine Gene, während genetisch veränderte Tomaten Gene enthalten." Vorsicht, Falle! Beim "Eurobarometer"-Test müssen die befragten EU-Bürger ihre wissenschaftliche Bildung prüfen lassen. Wer sich für die Antwort "richtig" entscheidet, liegt falsch und soll sich gefälligst schämen. Weiß doch jeder auch nur halbwegs Informierte, daß in allen Lebewesen Gene sind, die deren "Bauplan" enthalten und sich in jeder Zelle finden! So oder so ähnlich steht es geschrieben, in jedem Handbuch oder Zeitungsartikel. Wer könnte daran zweifeln? Barbara Duden zum Beispiel, die beim Symposion "Genpool, Menschenpark, Freizeitkörper" gleich zu Beginn ihres Vortrags klarstellte: "Wenn Sie glauben, hier eine extrauterine Expression von Genen vor sich zu haben, dann verlassen Sie bitte den Saal." Die vor allem durch ihre Arbeiten zum weiblichen Körper als öffentlichem Ort bekannte Historikerin (Universität Hannover) wandte sich in aller Schärfe gegen die grassierende "Gengläubigkeit" und plädierte für "Agenismus".

"Wilddeutiger" Begriff?

Durch die beständige Zuschreibung von Eigenschaften und die Identifikation einer Person über deren genetische Veranlagung gehe das Sinnliche, Leibhaftige und Einzigartige des Körpers und damit der eigenen Existenz verloren, glaubt Duden: "Gene können nicht erfahren werden." Dennoch schwirre uns der Kopf davon. Denn der Begriff "Gen" sei nicht nur vieldeutig, sondern geradezu "wilddeutig". Während die Wissenschaftler nicht einig seien, was genau darunter zu verstehen sei, werden die Gene im medialen Diskurs zu unbezweifelbar realen und wirkungsmächtigen Gegenständen verdichtet. Sie seien verantwortlich für Intelligenz, Homosexualität, Fettleibigkeit und alle nur denkbaren Krankheiten und Behinderungen. Relativierende Stimmen könnten sich in diesem schrillen Konzert des genetischen Fatalismus kaum Gehör verschaffen.

Mit ihrem Vortrag zur "Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten" schlug Silja Samerski, Biologin und Wissenschaftsforscherin an der Universität Bremen, in dieselbe kulturwissenschaftliche Kerbe. Sie illustrierte die Problematik der Gengläubigkeit am Beispiel genetischer Beratungsstellen. Dazu hat sie zahlreiche Gespräche zwischen meist schwangeren Frauen und den Beratern ausgewertet.

"Risikomanagerinnen"

In Deutschland allein fanden im letzten Jahr 50.000 solcher Gespräche statt: Schwangeren soll Entscheidungshilfe geboten werden, indem man ihnen etwa vorrechnet, daß aufgrund der Veranlagung der Eltern das noch ungeborene Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,5 Prozent an einer seltenen Muskelkrankheit leiden werde. Was tun? Eine Fruchtwasseruntersuchung ist selbst nicht ohne Risiko für den Embryo. Umgeben von Wahrscheinlichkeiten werden Frauen unversehens zu ihren eigenen Risikomanagerinnen. Denn auf die wirklich entscheidende Frage "Was ist mit meinem Kind?" kann der Berater keine Antwort geben.
"Verratlosung" nennt Samerski das, die Frauen verlassen die Beratung oft völlig verunsichert.

Das von Theo Steiner (Universität für angewandte Kunst, Wien) konzipierte Symposion spannte mit seinen 24 Vorträgen zu Biowaffen, biopolitischem Machbarkeitswahn und zeitgeistig gewandeter Eugenik einen weiten, mitunter etwas disparaten Bogen. Schade, daß nur wenige Naturwissenschaftler und gar keine Vertreter von Biotechfirmen oder der Pharmaindustrie unter den Referenten waren. Grundlegende Kontroversen mit "Gengläubigen" konnten so gar nicht aufkommen, die Bekehrten predigten den Bekehrten. Auch lockte die Veranstaltung, die weitab vom Grazer Zentrum stattfand und kaum beworben wurde, nur wenig Publikum an. Sozial- und Kulturwissenschaftler haben oder vielmehr hätten zur Debatte um die Gentechnik viel im besten Sinne Bedenkliches beizutragen. Es ist zu hoffen, daß sie künftig der Gefahr der Selbstghettoisierung gezielter vorbeugen.

Oliver Hochadel

erschienen in:
Die Presse, 20. 10. 2001
http://www.diepresse.com

« zurück zur Liste