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Variationen der Hölle

Im Kunsthaus Mürz kam am Donnerstag das Schauspiel "Der Russland-Salon" von Robert Wolf als "herbst"-Uraufführung heraus: eine ganz schön grelle Posse.


Mürzzuschlag - In Professor Vogels russischem Salon gibt es drei Heizquellen. Die stets angezündete Zigarette, die griffbereite Wodkaflasche und die berechnend gefügige Hausdienerin Resi. Wenn man, wie der Hausherr, eine Fellkappe am Kopf und das Feuer Dostojewskis im Herzen trägt, genügt ein Bademantel, um nicht zu erfrieren.

Ja, mithilfe eines Heimsolariums, bereitgestellt von der erbgeilen Tochter Sonja, kann man in diesem Salon sogar verkohlen. Man darf nur nicht so ein Waschlappen sein wie Sohn Hektor. Klar, dass einer, dem 40-mal der Magen ausgepumpt werden musste, nachdem er die Bücher seines Vaters verschlungen hat, am Ende als tuntiger Waschlappen dasitzt und jammert: "Papi, mich friert!"

Der draufgängerischen Grazer Possenmanufaktur, Wolfgang Bauer und Harald Sommer, Reinhard P. Gruber und Werner Schwab ist in Robert Wolf ein neuer Spross erstanden. Noch nicht so sinnenprall wie Bauer oder Gruber, noch nicht so dem Wortsturz anheimgefallen wie Schwab, lässt Wolf doch hoffen, dass sich die elementare steirische Theatertradition lebendig über die Jahrtausendschwelle gerettet hat.

Georg Staudacher, Mittdreißiger wie der Autor, hat das Schauspiel in drei Akten, Der Russland-Salon, als Koproduktion von kunsthaus muerz und Wiener Rabenhoftheater für den steirischen herbst in Mürzzuschlag sehenswert eingerichtet. Hinter dem schrägen, grellen Erbschaftsdrama zwischen Professor Vogel, seinen zwei Kindern und der Hausbedienerin macht Staudacher im Verlauf von zwei Stunden Allgemeingültiges deutlich. Geradezu barock wird die Hinfälligkeit der menschlichen Existenz vor Augen geführt, grotesk konterkariert von der sinnlosesten Gier nach Lust und Besitz, von der immerdar vergeblichen Suche nach Befriedigung und Glück.

Bei Wolf ist das wohl als leicht moralisierende Kritik an seiner Generation angelegt. Kathrin Beck erspielt der Tochter Sonja aber die zeitlose Traurigkeit einer Frau, die aus ihrer Erniedrigung zum Sexualobjekt rachsüchtig einen Gewinn schlägt, der nichts wiegt. "Du glaubst mir doch, dass ich glücklich bin", muss sie am Ende ungläubig fragen.

Rainer Frieb zeigt vor den zerrissenen Tapeten seines Russland-Salons einen Schachspieler mit sich selbst, der russische Volkslieder grölt und sich an seiner Umwelt dafür rächt, dass er sterblich ist. Eine eindrucksvolle Darbietung. Da haben es Simon Hatzl als dümmlicher Hektor und Roswitha Soukop als Hausdienerin mit einem unglücklichen Stehsatz ("So etwas hat die Welt noch nicht gesehn, ein Wahnsinn im Hause Vogel") schwerer.

Die Bühne hat Staudacher sich selbst gestaltet: zwei Variationen zum Thema Hölle. Im sibirischen Zimmer ist es noch wärmer als auf der Sonnenterrasse der Erben.

Michael Cerha

erschienen in:
Der Standard, 20. 10. 2001
http://derstandard.at

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