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"herbst" ist‘s und keinen regts auf"

Der "steirische herbst" bringt die Grazer nicht mehr auf die Palme. Was dem Intendanten Peter Oswald doch ein wenig zu denken gibt.

Wir schreiben das Jahr 1998: Christoph Schlingensief macht Graz zur Sandlerhauptstadt Europas. Obdachlose sitzen tagelang wie Säulenheilige auf erhöhten Thronsesseln rund um die Marienstatue. Die Spielregeln: Jener Sandler, der am längsten ausharrt, sackt einen Geldpreis ein. Den Grazern kommt die Galle hoch.

1988: Hans Haacke verhüllt die güldene Marienstatue mit einem Siegesobelisk mit stilisierten Hakenkreuzen (Titel: "Und ihr habt doch gesiegt"). Die Skulptur ist jener nachempfunden, die die Nazis 1938 an eben diese Stelle gepflanzt haben. Fünfzig Jahre später kocht die Volksseele, an Haackes Skulptur entzünden sich wilde Diskussionen. Der Obelisk wird Ziel eines Brandanschlags, dem auch die Marienstatue zum Opfer fällt

Oktober 2001: Die Blätter verfärben sich, die Maronibrater erobern die Stadt. Es ist "herbst", aber keinen regt‘s auf (siehe Umfrage). Das Avantgarde-Festival, traditionell Garant für den jährlichen Skandal, ist im öffentlichen Raum offenbar unter der Wahrnehmungsgrenze. Grazer ärgern sich allenfalls über Baustellen, Kulturprovokationen und dadurch entfesselte Proteststürme bleiben aus.

"Skandale nur um ihrer selbst willen können heutzutage als künstlerisches Konzept nicht mehr bestehen", ist das Erklärungsmodell von "herbst"-Chef Peter Oswald für die neue Zurückhaltung. Insgeheim schmerzt den Intendanten unsere Umfrage aber sehr, wie er gesteht. Ihn wurmt, dass "er die Grazer derzeit nicht zur Weißglut treibt": "Aber inzwischen ist die Erwartungshaltung in puncto Skandal an unser Festival so groß, dass es fast unmöglich ist, noch zu provozieren. Da müsste man wahnsinnige Geschütze auffahren, um die abgebrühten Passanten noch aus der Reserve zu locken."

In den Siebzigerjahren reichte freilich oft schon das herbst-Plakat, um Bürger auf die Barrikaden zu locken. Später dann verstören Bill Fontanas Nebelhörner, die vom Schloßberg aus die Stadt beschallten, die Grazer zutiefst. Auch Hartmut Skerbischs Lichtschwert vor der Oper - inzwischen längst Motivklassiker unter den Grazer Ansichtskarten - sorgte für anhaltende Proteste.

Kapitulieren will Oswald vor der Abgebrühtheit aber keineswegs. Da kommt schon eher ein kämpferisches Versprechen: "Lässt der ,herbst‘ die Menschen auf den Straßen wirklich kalt, werde ich mich umso mehr bemühen, die Grazer wieder zu ärgern. Denn das Letzte, was ich will, ist ein international erfolgreiches und gut besuchtes Festival zu programmieren, das müde akklamiert wird."

Bernd Hecke

erschienen in:
Kleine Zeitung, 17.10.2001
www.kleinezeitung.at

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