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Zwischen Menschenwürde und Ich-Verlust
Zwei Symposien beschäftigen sich mit Chancen und Risiken der Biomedizin

Wien/Graz - Obwohl seit dem 11. September ein anderes Thema die Feuilletons beherrscht, wird die Diskussion über Risiken und Chancen von Biomedizin und Biotechnologie, die bis dahin dominiert hatte, mit großer Intensität fortgesetzt. Einerseits entwickelt sich in künstlerisch-intellektuellen Kreisen so etwas wie "Widerstand" gegen die "Verdinglichung" des Menschen im Zuge seiner Biotechnologisierung.

Andererseits steht in Deutschland eine konkrete Entscheidung an: Im Dezember hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) über den Antrag der Bonner Neuropathologen Otmar Wiestler und Oliver Brüstle zu entscheiden, die ihre Forschungen zur Wiederherstellung von Hirngeweben mit embryonalen Stammzellen fortführen wollen, die ihnen die Universität von Haifa zur Verfügung stellen soll.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Technologie und ihrer Verbindung mit den herrschenden ökonomischen Bedingungen thematisierte von Donnerstag bis Sonntag der steirische herbst in seinem Symposion "Genpool, Menschenpark, Freizetkörper". Die aktuellere politische Debatte über verbrauchende Embryonenforschung und Präimplantationsdiagnostik kam bei dem zweitägigen Symposion"Embryonenschutz - Hemmschuh für die Biomedizin?" zur Sprache, das die Ö1-Wissenschaftsredaktion gemeinsam mit dem Uni-Institut für Ethik und Recht in der Medizin veranstaltete.
Das Wiener Symposion lebte einerseits von der Anwesenheit Otmar Wiestlers, der mit seinem Antrag bei der DFG die heftige Debatte des vergangenen Jahres wesentlich mitprägte. Als Wiestler-Gegenpol präsentierte sich am Freitagabend der in Zürich lehrende Mediziner und Philosoph Günter Rager, der sich strikt gegen jede Forschung auch an "überzähligen" Embryonen aus der In-vitro-Fertilisation aussprach. Diese sollten, wenn möglich, zur Adoption freigegeben werden. Sollte das nicht möglich sein, solle man sie "sterben lassen", statt sie der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen.

Im Zentrum der ethisch-philosophischen Debatte stand die Frage, ob der Begriff der "Menschenwürde" als Grundlage für den Embryonenschutz dienen könne. Franz Josef Wetz, der 1998 mit seinem Buch "Die Würde der Menschen ist antastbar" für Aufsehen gesorgt hatte, erklärte, "Würde" sei ein privater Begriff, der weltanschaulich neutrale Staat könne ihn nicht als Gesetzesgrundlage heranziehen. Der Wiener Rechtsphilosoph Gerhard Luf hingegen betonte, dass Recht und Moral nicht getrennt werden dürften.

Autonomie

Das "herbst"-Symposion spannte einen großen inhaltlichen Bogen, dessen verbindendes Element die Frage nach der Autonomie des Menschen im Spannungsfeld von Medizin, Biotechnik und Ökonomie war. Am Schlusstag konzentrierte man sich auf die Frage nach der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung von Gentechnik und Biowissenschaften.

Silja Samerski, die sich in ihrer zur Veröffentlichung anstehenden Dissertation mit der Gentest-Beratung für schwangere Frauen beschäftigt, sieht die Gefahr einer "Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten": Wissenschaftlich, sag Samerski, könne niemand exakt erklären, was ein "Gen" überhaupt sei, während im öffentlichen Gebrauch das Wort mit in die Zukunft gerichteten Bedeutungen und schwerwiegenden Konsequenzen aufgeladen würde.

Diesen Gedanken nahm die Historikerin Barbara Duden auf: "Durch die Freisetzung und das Wuchern der Gene in der Sprache wird der Selbsthinweis auf die Sprechende zu einem Hinweis auf das Genom. Indem die Sprecherin dir Gene zuschreibt, impliziert sie sich selbst als Ausdruck, als Phänotypus ihres Genotypus." (fle)

erschienen in:
Der Standard, 15.10.2001
www.derstandard.at

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