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Hauchzarte Töne

Einen Trend manifestiert das "musikprotokoll": das Ausloten dynamischer Untergrenzen.

Mit seiner Hellhörigkeit bewährt sich der Grazer Minoritensaal als neue Spielstätte des "musikprotokolls". Unter seiner von zwei Putten gestützten Schrifttafel "Silentium" führten mit Jakob Ullmann und Klaus Lang am zweiten Abend erneut zwei Komponisten das zu extremer Konzentration gezwungene Publikum an den Rand der Hörbarkeit.

Jakob Ullmann, der 1958 in Sachsen geboren wurde, leistete mit der Verweigerung auftrumpfender Lautstärke stillen Widerstand gegen die DDR. Seine konsequente Haltung demonstriert er auch äußerlich: Seit er 1990 als "jüdischer Kameltreiber" bedroht worden ist, trägt er eine orientalische Kopfbedeckung.

Schemen. Seine "Komposition für Streichquartett 2", die im Sommer des Vorjahres vom Arditti Quartet bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik aus der Taufe gehoben worden und jetzt in Graz zur österreichischen Erstaufführung gebracht worden ist, bewegt sich am Rande der Lautlosigkeit. Reibgeräusche des Bogens, das Klopfen auf den Korpus der Streichinstrumente und klar intonierte, hauchzarte Töne vereinen sich zu schemenhaften Fragmenten, die wie vage Erinnerungsfetzen wirken.

Die Spannung, die das Arditti Quartet hier eine halbe Stunde lang aufbaute und nicht abreißen ließ, konnte es bei der an diesem Abend uraufgeführten, dynamisch ähnlich konzipierten, aber auf eine Raumklangwirkung zielenden, vierzig Minuten dauernden Auftragskomposition "sei-yaku für streichquartett" des 30-jährigen Grazers Klaus Lang nicht ganz durchhalten.

Reichlich konventionell wirkte das an diesem Abend uraufgeführte Klavierquartett "De Umbris Idearum" des Berliner Kompositionsprofessors Walter Zimmermann (52).

Erregung. Enorme Faszinationskraft besitzt hingegen das 1998 bei "Wien modern" erstmals vorgestellte Quintett "Spur" des Grazer Kompositionsprofessors Beat Furrer (47). Das mit faszinierendem Drive permanente Erregung vermittelnde Stück 14transformiert Bewegungsmodelle des Klaviers in die Stimmen des Streichquartetts. Der Pianist Ian Pace und das Arditti Quartet rissen hier auch mit ihrer Virtuosität die Zuhörer zu Beifallsstürmen hin.

Nach diesen kammermusikalischen Subtilitäten wirkte zu nächtlicher Stunde im Dom im Berg die tönende Kulisse der von Andrea Sodomka, Martin Breindl und Norbert Math entworfenen "Alien City" mit ihren Auto-, Zug- und Fabriksgeräuschen fast gewalttätig und weniger interessant als die optische Gestaltung dieser Installation, die dem permanenten Wandel unserer Umwelt nachspürt und mit dem Einlaufen eines Schiffs den Startschuss für ein ironisch-kitschiges Finale gibt.

Ernst Naredi-Rainer

erschienen in:
Kleine Zeitung, 14.10.2001
www.kleinezeitung.at

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