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Wenn Männer mit Eisleichen turteln
Der Steirische Herbst hat begonnen

Graz - Klaus Händl nennt sich Händl Klaus. Erstens, weil er Tiroler ist, zweitens, weil er ein Dichter der besonderen, der verschrobenen Art ist. Sein Talent hat dem 32-Jährigen nicht zuletzt den Robert-Walser-Preis eingetragen. Für den Steirischen Herbst verfasste Händl, der auch als Schauspieler arbeitet, sein dramatisches Debüt:"Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen." Das Schönste daran ist die Sprache: Mit Rhythmus und Reim, mit Redensarten und Metaphern jonglierend, nimmt sie den Dingen alle Erdenschwere. Immerhin geht es hier um die großen Lebensthemen, erklingt die Weise von Sehnsucht, Liebe und Tod.

Zwei Monologe - den einen spricht die Frau, den zweiten der Mann - sollen sich zum Ganzen, zum virtuellen Dialog fügen. Olivia Grigolli, "ich schmelze zart dahin", schwärmt als Städterin fürs Gebirge, der Älpler hingegen himmelt erfrorene Bergsteiger an. Naturgemäß hat Bruno Cathomas die ergiebigere Rolle, darf er doch mit begabten Eisleichen, den Ötzis von heute, erotisch tändeln. Leider aber führt der Autor zusätzlich Regie: Die wirkt bloß bieder und nett, verschenkt viel von den atmosphärischen Reizen des Absurden. Was man im riesigen Saal des Bautechnikums Graz vorgesetzt bekommt, schmeckt darum sehr nach theatralischer Konditorkost: wie Gletscherhäppchen mit Staubzucker und Schlagobers.

In puncto bildender Kunst hat das Festival Gewichtigeres zu bieten. Peter Pakesch, der Leiter der Kunsthalle Basel, kuratierte für die altehrwürdige Landesgalerie Joanneum die Ausstellung "Abbild" über "recent portraiture and depiction". Dass die Menschendarstellung in der Kunst der Gegenwart stärker in den Vordergrund rückt, ist freilich nichts als ein nüchterner empirischer Befund
Rund 200 Exponate aus den verschiedenen Medien trug Pakesch zusammen: Gemälde, Skulpturen, Fotos, Videos und Installationen. Die Zusammenschau hat
etwas durchaus Faszinierendes: Hinter Masken und Larven, in Dekonstruktion, Parodie und neuer Subjektivität treten Körper und Figuren zutage, unsere Perspektive verändert sich.

Das kann witzig sein, so bei dem Fotokünstler Matthias Herrmann. Der posiert mit einem anderen Herrn im Abendkleid vor einem Täfelchen mit der Inschrift: "Ihr werdet schon sehen, wer übrig bleibt" (Helmut Kohl). Das kann aber auch anrühren wie im Fall von Richard Hamiltons Porträt des sterbenskranken Kinoregisseurs Derek Jarman. Der amerikanische Hyperrealist der Sechzigerjahre, Chuck Close, beeindruckt mittels raffinierter Rastertechnik. Was dem Auge aus der Ferne zum pointillistischen Antlitz wird, offenbart sich in der Nähe als gleichsam psychedelische Anordnung von Farbkringeln. Eine ebenso überzeugende wie verstörende Hommage glückte dem Japaner Yasumasa Morimura. In seinem Zyklus "An Inner Dialogue with Frida Kahlo" kopierte er seinen Kopf in die Selbstbildnisse der Künstlerin - die Leinwand wird zum Rätselort eines Verwirrspiels von Traditionen und Geschlechtsidentität.

Hans-Peter Feldmanns Serie "100 Jahre" umspannt sämtliche Entwicklungsphasen vom Säugling bis zur Greisin, wobei der Fotograf Unbekannte jeder Altersstufe in Schwarzweiß aufnahm. Der lakonische Lebensfilm lässt niemanden kalt - er regt zum Nachdenken, zum Vergleichen, zu Furcht und Hoffnung an. Für Feldmann, aber auch für die gezeigten Arbeiten einer Louise Bourgeois, eines Martin Kippenberger, eines Pawel Althamer oder einer Maria Lassnig gilt Paul Klees Satz: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar."

Ulrich Weinzierl

erschienen in:
Die Welt, 11.10.2001
www.diewelt.de

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