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Verinnerlichung im Tempel der Stille

Zwei völlig verschiedene Programmschienen offeriert heuer das Grazer "musikprotokoll": Zu Konzerten gesellen sich etliche Installationen.


Silentium" fordert eine Schrifttafel im ehemaligen Refektorium des Grazer Minoritenklosters, das heuer auch dem "musikprotokoll" des "steirischen herbstes" als Konzertsaal dient. Hier galt die erste Uraufführung des 34. Festivaljahrgangs dem diesem Ruhegebot in hohem Maße Folge leistenden Stück "looming outlines of autumn" von Vadim Karassikov.

Der 31-jährige russische Komponist zelebriert in diesem fragilen Trio für Violine, Violoncello und Klarinette ein Fest der Ruhe. Auf kaum hörbare Klangfragmente lässt er schier endlose, vom "ensemble recherche" mit enormer Spannung aufgeladene Generalpausen folgen. Sein zerbrechlich anmutendes Werk gleicht einer flüchtigen Skizze, bei der das Schweigen die Hauptrolle spielt und jedes Hüsteln im Saal wie ein Kanonenschuss in den Tempel der Stille donnert.

Nicht minder konzentrierte Hörbereitschaft verlangten die beiden anderen, ebenfalls am unteren Ende der dynamischen Skala angesiedelten Stücke des Eröffnungsabends, mit denen die exzellenten Musiker des Freiburger "ensemble recherche" ihre zuvor in Graz schon bei Beat Furrers "Begehren" demonstrierte Kunst, Pianonuancen subtil zu differenzieren, erneut höchst eindrucksvoll unter Beweis stellten.

Der von Salvatore Sciarrino und Helmut Lachenmann ausgebildete Italiener Pierluigi Billone (41) führt mit seinem im Vorjahr in Donaueschingen aus der Taufe gehobenen Streichtrio "Mani. Giacometti", das mit Mikrointervallik und klanglicher Minimalisierung der Verinnerlichung huldigt, ebenfalls in Grenzbereiche des noch Hörbaren.

Etwas kräftiger tritt der Freiburger Kompositionsprofessor Mathias Spahlinger (57) in seinem 1995 in Berlin uraufgeführten Quartett "gegen unendlich" auf. Das hochkomplexe Stück reiht zunächst ohne Metrum durch Mikrointervalle variierte Akkordsäulen aneinander und fordert im überaus lebhaften zweiten Teil enorme Virtuosität, mit der vor allem der Posaunist Andrew Digby bravourös aufwartete.

Hotel. Zu den Konzerten des "musikprotokolls" gesellen sich heuer Installationen. Noch bis einschließlich Sonntag sind in den Zimmern 305, 207 und 208 des Hotels "3 Raben" (Annenstraße 43) die Arbeiten von Norbert Walter Peters, Nicolas Collins und Johannes Sistermanns zu erleben.

An ein größeres Publikum, nämlich maximal 64 Teilnehmer, wendet sich die "sophisticated soirée", die nach ihrer Erprobung bei der heurigen "Ars electronica" in Linz ihre "musikprotokoll"-Premiere in der "herbst"-Bar erlebte, wo sie heute um 24 Uhr nochmals wiederholt wird. Mit Hilfe von Klebeelektroden und kleinen Empfängern wird der Herzschlag der Besucher und dessen Übereinstimmung mit anderen Gästen sichtbar. Er beeinflusst auch den Ablauf eines vorgefertigten Programms, das eine interessante optische Auflösung erfuhr, musikalisch aber nur eine weitgehend beliebige und banale Geräuschkulisse bot.

Ernst Naredi-Rainer

erschienen in:
Kleine Zeitung, 13. 10. 2001
http://www.kleinezeitung.at

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