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Die Berge sind ein Boulevard in den Tod

Der Tiroler Dichter Klaus Händl und sein Stück „Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen“ beim „steirischen herbst“ in Graz


Tirol ist eine Übertreibung Bayerns und ein Waterloo für den Stadtneurotiker. Auch in einer Stadt wie Innsbruck, wo den Menschen der Föhn auf den Kopf fällt und hinter Nordkette und Patscherkofel der Horizont verschwindet, ruft der Berg, und so mancher Städtertraum erfriert am nahen Eis der Ferner. „Frost“ heißt ein Roman von Thomas Bernhard über diese mit Bergen verrammelte Welt.

Im Innsbrucker Stadtteil Allerheiligen wuchs der Dichter Klaus Händl auf, der seinen Vor- gerne hinter den Nachnamen stellt, eine Roseggerei. Der Vater von Händl Klaus war Versicherungsvertreter, seine Mutter Kindergärtnerin, „keine gute Ehe“, wie er sagt. Der Vater habe geprügelt, ihn noch mit 16 eingesperrt, nachts das Essen vor die Zimmertür gestellt, und sein bester Freund habe sich erschossen. Wie man es aus der autobiografischen Literatur Österreichs bis zum Abwinken kennt. Als Händl bald nach dem Abitur nach Wien ging, hätte er die besten Voraussetzungen gehabt, mit seiner Arbeit den literarischen Elendsrealismus des Landes zu komplettieren.

Aber im Wiener Schauspielhaus, wo Händl erst als Bürogehilfe und dann als Schauspieler engagiert war, nannte man ihn den „Küsserkönig“. Er begegnete den Menschen mit unerhörtem Überschwang, eine Art umgekehrter Phobie; warf sich der Welt in die Arme und jodelte in die Kameras, als er sich mit dem endlosen Satz einer Bäuerin in Klagenfurt um den Ingeborg-Bachmann-Preis bewarb. Er hatte sich seine eigene Welt gerettet und auch seinen Stolz.

„Ich suche jemanden, der sich mit mir umbringt“, sagte Händl, als ich ihm in einem menschenleeren Wiener Restaurant zum ersten Mal begegnete. Der Selbstmord entfiel dann wohl auch aus Zeitgründen. Denn Händl Klaus muss immer schreiben, ein Graphomane, der linkshändig den ganzen Tag Zettel voll kritzelt und zusätzlich zu seiner Wiener Wohnung einen Dachboden gemietet hatte: einen Raum voll mit nichts als Notizen.

In krassem Gegensatz zu dieser Überproduktion steht die Menge seiner Publikationen. Sein bisher einziger Erzählband „(Legenden)“, echt nur mit den Klammern, sieht aus wie ein Schulheft und hat 87 Seiten. Als das Büchlein 1994 erschien, war Händl 25 Jahre alt und wurde mit Preisen verwöhnt: Rauriser Literatur-Preis, Robert-Walser-Preis. Seine Laudatoren scheuten keine großen Vergleiche: Jean Paul und Robert Walser natürlich. Sie lobten die Leichtigkeit seiner Prosa, die eine liebevolle Beziehung zum Ungeheuerlichen pflegt, zu Katastrophen, Schmerz und Tod. Klagen vielleicht, nie Anklagen, immer lakonisch. Ein bisschen überschwänglich manchmal. Während der Himmel davonsteigt, wohin man auch schaut, wird bei Händl das Beiläufige zum Ereignis.

Alpenmühen

Nach seiner ersten Publikation lief er, obwohl er täglich und stündlich schrieb, nicht mehr an die Öffentlichkeit – ausgenommen ein paar hübsche Petitessen wie das Hörspiel „Kleine Vogelkunde“. Sein Geld verdiente er sich als Schauspieler, vor allem beim Film, und ansonsten saß er, wie immer, in den Nachtzügen, die ihn von seinem Wiener zu seinem Schweizer und von dort zu seinem Berliner Wohnsitz brachten, und schrieb. Zug um Zug vermehrten sich die Texte, die er demnächst einem Verlag übergeben will.

Jetzt hatte beim „steirischen herbst“ in Graz Händls Theaterstück „Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen“ Uraufführung, nicht ganz 14 Seiten Text, zwei Monologe. Händl hat den Text selber mit den beiden Schauspielern inszeniert, für die er ihn geschrieben hat, Bruno Cathomas und Olivia Grigolli, die am Akademischen Gymnasium Innsbruck abschloss, als Händl in die erste Klasse kam. Die Grigolli, heute bei Marthaler in Zürich engagiert und eine Ausnahmebegabung, eine Tiroler Existentialistin, habe damals schon Theater gespielt, die Ophelia im Landestheater. Bis heute entkommt sie Händls Liebe nicht.

In Händls Stück sehnt sich eine Frau, die Olivia heißt, nach den Alpen und will, wie die Berge, „in der nächsten Zeit so gut wie beinah unerreichbar sein“. Als Objekt der Sinne haben die Alpen einige Vorteile: sie sind immer da und ändern sich nicht. Auf die Alpen kann man sich verlassen. Trotzdem läuft auch diese Sehnsucht ins Leere. Olivia ist schon tot, da kommt der Förster Bruno, trägt kleine Fichten an die Baumgrenze und stolpert über lauter Tote. Händl nennt das eine Boulevard-Komödie in dünner Luft. Ein Boulevard sei ein breiter Gehsteig, auf dem die Menschen laufen, nach Hause in den Tod. Alles bleibt unerschöpflich bei dieser existenzialistischen Bergwacht. Händl sagt: „Ich habe eine Zeit lang an die Seele geglaubt. Aber mittlerweile denke ich, dass wir ausgelöscht sind.“

Die Aufführung findet in einer Halle der Grazer TU statt, in einem riesigen Raum, in dem sich die schneeweißen Sitzreihen zum Gletscher auftürmen (Raum: Siggi Colpe). Das Eis sind wir selber, und unten gähnt der Hallenabgrund, das Tal der Tränen. Dort liegen im Schnee die Toten, still wie die Alpen, mit Anorak und Gletscherbrille. Zwischen den Sitzreihen führt eine Rinne talwärts, in der ebenfalls ein Toter liegt, der lange bevor fast zynisch ein Theatermond über der Eiswelt aufgeht, vom Gletscherwasser ins Tal gespült wird, in Richtung Seen. Dorthin entsorgt der enttäuschte Bruno seine kalten Freunde: „Guten Rutsch und tschüss! Man sieht sich.“

Während Olivia Grigollis Rede an die Alpen wie auf einem ewigen Eis ins Tal zurückzurutschen scheint, sie in ihrem roten Plüschmäntelchen dasteht wie Alice im Tiroler Land und Bruno Cathomas Leichen durch den Schnee schleppt, war das Publikum vor Andacht und Hilflosigkeit selber schon erfroren. Einen Abend lang eisiges Schweigen, obwohl Händls Bergdrama wunderbar komisch ist. „Ich bin ein Mensch wie du und ich“, sagt Bruno. Oder: „Ich bin per du und du, du bist perdu.“ Händls Berg ruft nicht nur, er kalauert auch über alle Gletscherspalten und Klammen hinweg.

Händls erstes Stück über Eis und Sehnsucht ist schon jetzt das schwerwiegendste Leichtgewicht der Saison, und während wir mit Bangen abwarten, wie viele hoch gelobte Zeitstücke den 11.September überleben werden, wissen wir den unzeitgemäßen Tiroler Dichter in Sicherheit. Mit ihm hat uns der „steirische herbst“ eine erste Umleitung gebaut, um den Scherbenhaufen herum.

Lange war Graz in einen tiefen Provinzschlaf versunken. Aber jetzt meldet sich auch eine Opposition zu Wort, angeführt von dem jungen Grazer Trash-Dramatiker Martin Wanko, der ein zweiwöchiges Gegen-Festival zum „steirischen herbst“ veranstaltet hat: gegen die Großkunst, gegen die herbst- Kunst. Sieht ganz so aus, als würde Graz aufwachen, gerade noch rechtzeitig, um 2003 wirklich eine „Kultur-Hauptstadt Europas“ zu sein.

Helmut Schödel

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung, 12. 10. 2001
http://www.sueddeutsche.de

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