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Der Schnee auf der Bühne und die Farbe im Gesicht

Steirischer Herbst in Graz: Mit der Ausstellung «Abbild» fragt Peter Pakesch nach dem Status des Porträts - und damit des Subjekts - in der zeitgenössischen Kunst


Jemand muss die Revolution in einem Anfall von Wut oder Entschlossenheit am Kragen gepackt haben: Da pendelt sie nun kaum beachtet an der Garderobenstange, kein schöner Ort für eine stolze Utopie, kann doch im Foyer des Landesmuseums Joanneum in Graz von Aufbegehren nicht die Rede sein. Und doch: Fast spitzbübisch lächelt die Figur von Maurzio Cattelan zu uns herab und ist so klug platziert, dass sie erst entdeckt, wer den Rundgang durch die «Abbild»-Ausstellung schon beendet hat.

Wenn es Herbst wird in der steirischen Landeshauptstadt, ist die ganze Stadt Kunst, Konzert und Bühne, ein grosses Herbst-Theater mit Dutzenden von Kultur-Ereignissen jeder Couleur. Revolutzionen mögen zwar seltener geworden sein, so wie die Kunst an sich als Weltverbesserer so recht nicht mehr dienen kann. Am «steirischen Herbst» ist es denn fast schon ein revolutionärer Akt, wenn der Kurator Peter Pakesch seinerseits mit cattelanschem Hintersinn zeitgenössische Porträts gezielt in die fürstliche Sammlung verteilt, Fotos von Cindy Sherman inmitten von Rokoko-Porträts platziert, oder zwei Video-Spassvögel von Heimo Zobernig einen «Schmerzensmann» unterhalten lässt.

Das kann natürlich schiefgehen, ja muss, wenn man erwartet, dass sich das Disparate hier kunsthistorisch verbrüdern soll. Es kann aber auch begeistern, wenn man sich an kleinen, kunst- und lustvollen Implosionen erfreuen kann oder das Museum weniger als Archiv denn als Labor versteht.

Sieben beschriftete Transparente von Rémy Zaugg verkünden bereits vor dem Joanneum, was uns im Inneren beschäftigen wird: «Hier/das Bild/ich bin» ist da etwa zu lesen, und dass die Plakate gleich auch die Fenster zum ersten Stock wie eine Store überdecken, ist Hinweis genug: Hier geht es um die Oberflächen, ihre Tiefen und Vertiefungen, hier geht es um den Menschen und sein Gesicht.

Doch schwenken wir vorerst dorthin, wo sich der Dialog von Kunst und Publikum so recht nicht einstellen wollte: Zum Stück «Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen» von Händl Klaus, dessen Uraufführung wie ein Fremdkörper in den Rahmen des Grazer Kulturmonats fiel. «Hört ihr mich? Ihr sagt ja nichts», ruft ein weibliches Gesicht den stummen Alpen zu und legt sich schliesslich zu den Toten, die im Kunstschnee erstarrt auf wärmere Zeiten warten. Natürlich antworten die so wenig wie die Berge selbst, gehört doch Redseligkeit nicht zu den ersten Qualitäten des Erhabenen. Und da das Publikum auf den Podesten im Bautechnikzentrum der TU selbst einen schweigenden Menschenhügel bildet, musste der Monolog hier bleiben, was er ist.

Der österreichische Jungdramatiker Händl Klaus heisst eigentlich Klaus Händl, doch wie der Kramser Schmidt dreht er den Namen volksnah um, herabgestiegen aus alpinen Höhen, gegen die er erst Olivia Grigolli, dann Bruno Cathomas sprachlich anrennen lässt - in repetitiver Konsequenz und verbaler Einfalt, dass man sich wünschen möchte, der Tod der Metapher sei selber nichts weniger als eine Allegorie auf diesen Dialog zwischen lebendem Ich und toter Bergwelt. Wärmen wir einander, kalter Freund.

Da fanden andere Kunstformen eine frischere Sprache. Die Musik etwa - mit dem Stück «Begehren» von Beat Furrer, das die orphischen Urtöne des Opernmythos derart leise und kraftvoll umflüsterte, dass sie wie eine tastende Versicherung des Unerreichbaren ihre Spuren in die glatte Oberfläche der Gegenwart zu zeichnen verstand. Im nächsten Jahr soll die erst konzertante Aufführung dieses Musiktheaters (das «Ensemble Recherche» und das Vokalensemble «Nova») ihre szenische Erweiterung erfahren.

Ich-Module, Techno-Visionen

Gravitationszentrum des steirischen Herbsts aber ist das Joanneum und damit die zeitgenössische Kunst, während die Ableger - die Galerien und Ausstellungshäuser von Graz - in Ausstellungen vom grellen Popkunst-Entertainment (Las Vegas im Künstlerhaus) bis zur Hyperliteratur («Buchstabenfeld» in der Neuen Galerie) vieles mit wenigen Höhepunkten zeigen, die mehr oder minder mit dem Gesamtkonzept korrespondieren. Das war in diesem Jahr besonders einfach und besonders schwer zugleich: Denn was mit dem Nachdenken über den Gentech-Diskurs bei Intendant Peter Oswald zu brodeln begann, materialisierte sich letztlich im Archithema der menschlichen Subjektivität - eine wahrhaftig grosse Erzählung, und entsprechend wimmelte es an den Vernissagen und Symposien vor Ich-Modulen, Freizeitkörpern, Techno-Visionen, Lebenswelt-Surrogaten und Metaerzählungen - und dem Verdacht, dass Kunst ohne das Subjekt auch heute nicht denkbar ist, zumindest nicht in den hier gezeigten Formen der Vermittlung.

Denn die Praxis erwischt die Theorie nicht selten auf dem falschen Fuss: «Subjekt perdu, Individualismus en vogue», ruft Herbert Lachmayer in seinem Katalog-Beitrag dem Leser zu, und während Peter V. Zima die Gesellschaftskritik reanimiert haben will, dämmert an Oswalds Horizont der Neue Mensch als tapferer Rebell gegen die indoktrinierte Subjektlosigkeit: Die Leittexte zum steirischen Herbst winken mit dem Pathos eines politisches Manifests und nähren sich am reich gedeckten Buffet der Ideologiekritik.

Dass in diesem Jahr Peter Pakesch für die Konzeption der Hauptschau im Grazer Joanneum eingeladen wurde, hat dabei wenig mit systemkritischen Rundumschlägen zu tun. Vielmehr hat er jüngst in Basel mit Ausstellungen wie «Nachbild» oder Antje Majewski seine Haltung bekräftigt, die zwar nicht gerade eine Renaissance der Gegenständlichkeit propagiert, aber doch realistischen Tendenzen nachspürt, die sich auch bei der jüngeren Generation abzeichnen. Zudem war sich Pakesch nicht zu schade, von der Gentechnik konzeptionell abzurücken, weil dazu schlicht bisher die künstlerische Auseinandersetzung fehle.

50 Kunstschaffende sind beteiligt - eine offene Schau von jüngeren Positionen und alten Bekannten wie Gerhard Richter, Jeff Wall oder Charles Ray: Die Ausstellung «Abbild» musste schon aufgrund ihrer Breite eine heterogene Recherche werden, zumal sich die Historizität des Porträts mit Aspekten einer «visuellen Anthropologie» (Pakesch) ebenso überkreuzt wie die westliche mit nichtwestlicher Kunst. Sämtliche Medien sind vertreten, während die Gattungsgrenzen in alle Richtungen zerfliessen: Etwa wenn Hiroshi Sugimoto Prominente als Wachsfiguren fotografiert oder so unterschiedliche Künstler wie Martin Kasper, Xie Nanxing, Barbara Eichhorn oder Chuck Close die Fotografie zur Vorlage für ihre Porträts heranziehen. Die aufgepixelten Köpfe von Close hintergehen fast paradigmatisch die grossen Antagonismen von Abstraktion und Gegenständlichkeit, indem sie diese als mögliche Perspektiven im selben Bild entlarven.

Vielleicht ein wenig Revolution

Auf der anderen Seite persifliert Cindy Sherman die Ästhetik des klassischen Porträts in ihren Fotografien, während im filmischen Medium das Porträt noch einmal einen anderen Status geniesst:
Geschickt etwa die Arbeit von Maria Friberg, die aus einer CNN-Ansprache von George Bush jene Sequenzen zusammenschneidet, in denen der Präsident gerade nicht spricht, was wiederum überraschende Ähnlichkeiten zum Gestus der Malerei von Chiara Minchio aufscheinen lässt.

Das Menschenbild in der Kunst folgt den Bildern des Menschen im Alltag, und kann sich der medialen Vermittelbarkeit nicht entziehen, so wie es stets nach dem Authentischen dürstet. Hinter der Oberflächlichkeit und durch die Selbstreflexion zum Echten zurückgezwungen, zeigt sich das Porträt weniger als Rückversicherung eines überkommenen Status des Ichs - ein Vorwurf des Revisionismus, der wie ein Damoklesschwert über einer Ausstellung schweben muss, die dem bereits Verabschiedeten die Hauptportale wieder öffnet. Doch statt der zähen Systeme scheinen die subtilen Symptome das Interesse zu bestimmen, mit denen die Kunst der Gegenwart die narrativen und ikonografischen Felder der Vergangenheit zu überschreiben und überschreiten versucht - so wie der Betrachter bei Günther Förgs «Zwillingen» nach minimalen Differenzen, bei Hans-Peter Feldmanns Projekt «100 Jahre» nach dem eigenen Alter oder bei Martin Kaspers Kinderporträts nach den versteckten Zeichen einer Krankheitsgeschichte sucht. Und wer sich diese Zeit nimmt, entdeckt am Ende vielleicht sogar hier und da mit den Subjekten auch ein wenig Revolution. Nicht nur in der fürstlichen Sammlung, nicht nur an der Garderobe am Eingang.

Alexander Marzahn

erschienen in:
Basler Zeitung, 12. 10. 2001
http://www.baz.ch

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