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Zartes Echo

Der "steirische herbst" besingt und ersehnt die Alpen: Ein verqueres Theaterdebüt von Händl Klaus

Auf den breiten Bergrücken der Alpen lagerten sich über die Jahre hinweg vielerlei Bedeutungen ab. Die "stolzen" Gipfel, die "majestätischen" Bergeshöhen, die "freie" Luft: Jedes Alpensteinchen über 1000 Meter Seehöhe ist mit Bildern und Geschichten aufgeladen - und erzählt vom Schönen und Erhabenen, vom Starken und Reinen, und manchmal auch vom Blut und der Nation. Ob Hannibal oder Andreas Hofer: Die Alpen: ein kulturelles Reservoir, hochkodiert und hochbelastet.

Man glaubte schon, diese Einsicht nach Jahren (auch alpenländischer) Ideologiekritik,nach der Kanonisierung der sogenannten Antiheimatliteratur und der Entmythologisierung von Enzian und Edelweiß, getrost zur Seite schieben zu können.Doch siehe da: Das einmal erworbene Werkzeug tut immer noch seinen Dienst. Wird öffentlich über die Alpen gesprochen, sollte man besser um die Ecke denken. Und sodann - zumindest beim diesjährigen "steirischen herbst" - die eigene Denkwut bremsen.

Die Ausbeute der Eröffnungspremiere des Grazer "Avantgardefestivals" (Man nennt sich inoffiziell immer noch gerne so) ist nämlich gering. Oder besser: Die Fallhöhe ist sehr hoch. Denn eigentlich hat Händl Klaus, ein junger Tiroler Schriftsteller (Jahrgang 1969), der seinen eigenen Namen auf den Kopf gestellt hat, ein nettes "kleines" Stück geschrieben. Der funkelnde Titel: Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen. Ein Titel, der die zwei Alpenmonologe, die das Publikum während einer Stunde zu hören und (weniger) zu sehen bekommt, schön poetisch kondensiert.

Ein Titel, über den Händls statisches Stück aber über weite Strecken nicht hinausgelangt. Eine Frau, die mit ihrem hochfliegenden Auftakt den Abend einleitet, "ersehnt", bevor sie sich zum Sterben hinlegt, zunächst für etwa 20 Minuten die Bergeshöhen: "Alpen, ich ersehne euch! Das ist mein ganzer Trost! Ich bin ja schwindelfrei und fliege drum im Lot zu meinem zarten Echo." Dann kommt ein Förster, der auf Siggi Colpes schneeweißer Bühne, auf deren ansteigender Höhe die Zuschauer sitzen, nacheinander Tote findet und mit diesen für etwa 40 Minuten Zwiesprache hält: "Darf ich, wie ich bin, so zärtlich sein, dass dir ganz anders wird in diesem freundschaftlich schmelzenden Eis? Wärmen wir einander, kalter Freund." So entstehen im zweiten Teil des Abends die Seen.

Ein "kleines" Stück also, hell aufjauchzend im poetischen Überschwang und bewusst abstürzend in ironische Tiefen. Konstruiert ist es recht einfach, entlang klarer Oppositionspaare (tot und lebendig, kalt und warm, Täler und Berge), der Mehrwert ist mit Händen greifbar: Berge wie Tote bleiben stumm, sind schweigende Projektionsflächen für menschliche Sehnsüchte. Damit ist man auf einem recht flachen Erkenntnisgipfel angelangt. Gespielt wird unter der Regie des Autors vom Blatt; Olivia Grigolli agiert allerdings etwas zu erdenfern, Bruno Cathomas dagegen berührend vielschichtig. Bemerkenswert ist, dass der Regisseur den Autor noch um einige Minusgrade übertrifft: Über der bleichen Szenerie liegt ein eisiger Alpenhauch.

Die einzig wirklich brennende Frage nach diesem Abend: Was in aller Welt hat den "herbst" dazu bewogen, mit Händls Alpenstück, das in einem intimen Rahmen weitaus besser aufgehoben wäre als in einer Industriehalle am Rande von Graz, seinen theatralischen Einstand zu feiern? War es der Griff nach den alten Sujets, die merkwürdig leer in der Gegenwart angekommen sind? War es der unbedingte (blinde) Entdeckerwille des Intendanten? Waren es mangelnde Perspektiven seitens einer Festivaldramaturgie, die dem heimisch Randständigen historisch verpflichtet ist, in ihm aber kaum Leben entdeckt?

Stephan Hilpold

erschienen in:
Frankfurter Rundschau online, 09.10.2001
www.Frankfurter-Rundschau.de

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