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Der Unterhaltungswert des Abbilds

Im Joanneum ortet Peter Pakesch mit "Abbild" eine Renaissance des Porträts. In sämtlichen verfügbaren Medien wird - nun auch in Graz - wieder des stets problematischen Selbsts gedacht.


Graz - Und da steht man dann vor dieser Frau von Charles Ray und kommt sich recht klein vor. Ist die doch gut anderthalbmal so groß wie man selbst. Und dann wundert es einen schon, wie man als Sechsjähriger die Kraft aufbringen konnte, so einer Mutter womöglich auch noch über den Kopf zu wachsen. Aber bitte, irgendwie ist es ja doch passiert. Jedenfalls aber könnte sie es gewesen sein, die Maurizio Cattelan am Kragen gepackt und vorsorglich am Kleiderständer zwischengelagert hat ("La rivoluzzione siamo noi"). Dort hängt das Wunder Bub jetzt, dort ist es unschädlich. Angesichts dessen fühlt man sich Gavin Turks Sandler im traditionellen Outfit recht verbunden.

Überall Gesichter

Der steirische herbst entdeckt das Porträt und postuliert dessen Renaissance. Peter Pakesch hat kombiniert, was einfach und nahe liegend war, hat zu einer Schau versammelt, was sich eben aufdrängt, wenn man einmal festgestellt hat, dass einen seit Jahren schon wieder häufiger Gesichter anlachen, wenn man so durch die Ateliers, Galerien und Museen dieser Welt geht. Ein paar ältere Herren verankern das Konglomerat locker in der jüngeren Kunstgeschichte (Richard Hamilton, Chuck Close und, immer wieder geeignet, Gerhard Richter), Louise Bourgeoise wird diese Bürde für das andere Geschlecht übertragen. Maria Lassnig hilft mit. Muntean/Rosenblum liefern die Bilder einer Jugend, die sich tief drinnen nach Zärtlichkeit sehnt - wenn die nur nicht so unschick wäre. Und Cindy Sherman muss man in so einem Zusammenhang einfach auch immer wieder ausstellen. Wegen des kritischen Potenzials, das sie in ihrem Spätwerk so gelassen manieriert. Und dann heißt Porträt natürlich auch Thomas Struth: Eine Familie ist nicht einfach eine Familie, sie wird ausgezeichnet durch die Attribute, für die sie sich entscheidet, und die Formation, die sie einnimmt, wenn der Meister der widernatürlichen Stellung sich ein Abbild macht.

In Afrika fertigt man Porträts gerne vor bunten Hintergründen. Für diesen Hang stehen die Likoni Ferry Fotografen und Philip Kwame Apagaya. Die Abteilung "sperrig" vertritt, als Reminiszenz an früher (1971) erfahrene Erweiterungen der Fotografie über das schnöd Abbildhafte hinaus, Douglas Huebler.

Abbild vom Vorbild

Die überraschenden Effekte steuert Hiroshi Sugimoto bei: Da Papst Johannes Paul II. 1999 sicher weniger frisch war, Prinzessin Diana tot und Oscar Wilde sowieso, muss irgendetwas nicht stimmen an diesen Bildern. Genau, es sind Wachsfiguren, die Sugimoto in klassisches Schwarz-Weiss gesetzt hat. Und damit die Frage gestellt, ob das Abwesen von Leben irgendwie auffällt.

Xie Nanxing sucht sich selbst in Bildnissen mit Eltern zu finden, und steuert zur Dramaturgie der Ausstellung den Moment der Entrüstung bei. Yasumasa Morimura befriedigt als Frida Kahlo die Lust auf Rollenspiele. Und stellvertretend für alle, die innerhalb der Schau zu repräsentieren haben, dass wieder gemalt wird, weil man einem Foto ja doch nicht trauen kann, malt Neal Teit tapfer Vertreter der Arbeiterklasse, Martin Kasper entzückende Kindsköpfe, und Chiara Minchio entgleisende Lippen.

Peter Pakesch hat sich entschieden, eine Publikumsschau zu machen, ein "populärwissenschaftliches" Konzentrat aus geläufigen Namen und trendigen Themen. In groben Zügen hat er skizziert, was gerade so läuft. Und "Abbild" funktioniert auch, selbst der Videofreund wird etwas finden. Wenn er auch länger suchen muss. Die bewegten Bilder finden sich verstreut in der Haussammlung. Viele der Künstler könnte man gegen andere ersetzen, ohne dass das nur das Geringste an der Anmutung der Schau ändern würde. Aber bei "Universum" geht es ja auch nicht um die Tiger oder die Spatzen, sondern um deren Unterhaltungswert. Der steirische herbst ist gemütlich und selbstgenügsam geworden, und vielleicht kehrt ja auch Pakesch bald nach Hause zurück - und kuratiert nächstes Jahr dann 70 Jörg Schlick Ausstellungen. Bis 16. 12.

Markus Mittringer

erschienen in:
Der Standard, 8. 10. 2001
http://www.derstandard.at

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