[ programm ]


[ kalender ]



[ forum ]

[ tickets ]



[ steirischer herbst ]


[ info ]


[ homepage ]

[ suche ]




« zurück zur Liste

Alleingelassen ohne Bilder

Beat Furrers "Musiktheater in zehn Szenen" namens "Begehren" entpuppte sich bei der konzertanten Uraufführung in Graz mangels Bühne als recht dürftige Klangkulisse.


Um einen großen Vergleich zu bemühen: Bei der Uraufführung von Strawinskys "Sacre du printemps" anno 1913 war die szenische Realisierung tödlich für den Erfolg. Erst die Konzertpremiere sicherte der genialen Partitur die Konzentration der Hörer und damit ihren dauerhaften Erfolg.

Vielleicht ist es bei Beat Furrer umgekehrt. Seine klanglichen Assoziationen zum Orpheus-Mythos klangen anläßlich ihrer konzertanten Uraufführung im Grazer Schauspielhaus wie die willkürliche Aneinanderreihung von FilmSoundtracks, denen die Bilder abhanden gekommen waren. Es fehlt eine musikalische, rein akustisch wahrnehmbare Dramaturgie, die die ermüdende Aufeinanderfolge von oft in Einzeltöne zersplitterten Klangereignissen zum großen Ganzen binden würde.

So sitzt man nach dem faszinierenden, aus vielen raunenden, in sich heftig bewegten Stimmen gewebten Beginn bald ratlos und vielleicht verärgert über die unausgesetzten Wiederholungen von Tricks aus dem Handbuch der musikalischen Avantgarde.

Die verfremdeten Bläsertöne, die Zisch- und Hauchlaute der Vokalisten, wie sie von Meistern wie Nono oder Haubenstock-Ramati schon vor Jahrzehnten erfunden wurden, verkamen seither, zum Überdruß strapaziert, zu wahrhaft sinnlosen Silben.

Allzu selten erlauscht man diesmal bei Furrer inspirierte Momente wie jenen, da der Chor seine Stimmen plötzlich zu tonal leicht faßbaren Harmonien verdichtet über denen meditativ der Solosopran schwebt. Vieles bleibt amorph, könnte in jedem Moment so oder auch anders lauten, animiert vielleicht einen Choreographen, Bewegung in die Sache zu bringen, Orpheus und Eurydikes Seelenpein erfahrbar zu machen. Der Hörer, ganz ohne bildhafte Begleitung, fühlt sich jedoch alleingelassen, obwohl das vom Komponisten geleitete Uraufführungsensemble mit hohem Engagement an seine Aufgabe heranging.

Schwierig zu singen

Petra Hoffmann und das Vokalensemble Arte Nova intonierten die mörderisch schwierigen Phrasen blitzsauber und fanden so präzis wie die Musiker des Ensembles Recherche bei allen punktgenau zu erledigenden Aufgaben mit des Komponisten Fingerzeig zueinander. Johann Leutgeb flüsterte und zischelte Textfragmente von Pavese, Eich, Ovid und Vergil ins Mikrophon, eine wackere Technikerbrigade mixte die Klänge und schickte sie via Lautsprecher auch hinter und über die Hörer aus.

Die "Wien modern"-Gemeinde war nach Graz ausgerückt, jubelte ausdauernd und durfte sich hinterher beim Empfang versichern, wieder Enormes für das Fortkommen der zeitgenössischen Kunst geleistet zu haben. Wen das jenseits dieses geschlossenen Zirkels noch interessieren soll - und vor allem: warum, blieb selbstverständlich unbeantwortet.

Wilhelm Sinkovicz

erschienen in:
Die Presse, 8. 10. 2001
http://www.diepresse.com

« zurück zur Liste