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Einsames Kommen, einsames Gehen
Uraufführung von Beat Furrers Begehren

Graz - Beat Furrers Schaffen für das Musiktheater mit dem Begriff des Scheiterns in Zusammenhang zu bringen könnte leicht missverständlich wirken, hätte man nicht Samuel Becketts Lebensmotto zur Hand: scheitern, wieder scheitern, besser scheitern.

In den Blinden (1989) zeigte Furrer den von Natur aus ahnungslosen Menschen, gefährdet in seiner Existenz, unsicher im Erkennen. In Narcissus (1994) erkennt sich die Kreatur zwar im Spiegelbild, doch dieses Erkennen führt in ein letztlich nur zerstörerisches Sehnen nach dem unerreichbar anderen. Und nun scheitert in Begehren, uraufgeführt im Grazer Schauspielhaus, auch Orpheus samt seinem Sehnen und "Um-Sehnen" nach dem Weib.

Das Sujet hat in der Operngeschichte (vom musiktheatralischen Erstling Monteverdis bis zum Reformator Gluck) ja einen langen Interpretationsschwanz. Indem Furrer den Stoff nicht linear erzählt, sondern ihn montageartig verdichtet (Texte von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günther Eich), verschiebt er auch die Perspektive.

Stammelnder Orpheus

Bemerkenswert ist zunächst, dass Orpheus nicht singt, sondern seine Geschichte aus der Distanz erzählt. Er war Orpheus, dem es in der Erinnerung schier die Sprache verschlägt. Das Spektrum der von Johann Leutgeb verlangten Vokaltechniken umfasst scharfes Zischen ebenso wie stotterndes Hauchen. Worüber man nicht sprechen kann, soll man stammeln.

Hochemotional hebt Begehren denn auch an. Entsprechend zu den sich überlagernden Textebenen hat Furrer vielgestaltige Mikrokosmen komponiert, bis in die kleinsten Verästelungen ausgehorcht. Sich beständig aufladend, werden sie vom Klangregisseur Peter Böhm im Raum verteilt. Wie so oft bei Furrer speist sich der Sog dieser Klangaura aus einer verblüffenden Kombination von Komplexität und Sinnlichkeit, vorbildlich umgesetzt vom ensemble recherche unter der Leitung des Komponisten.

Sehnsuchtstöne

Furrer verweigert aber schon in der zweiten Szene die Fortschreibung dieses fulminanten Beginns. Er trägt die Schichten ab, folgt einem Zug ins Schemenhafte, Angedeutete, Fragile.

Umso größer ist die Wirkung der sechsten Szene, wenn der stets aus dem Hintergrund kommentierende Chor (das textdeutliche Vokalensemble NOVA) den betörenden Klangteppich für die spitzen Sehnsuchtstöne der Eurydike (Petra Hoffmann) bereitet. Im Schlussmonolog splittert sie diese in einer Art rückwärts gewandter Utopie auf - bis auch sie verschwindet. Wie Orpheus, der einsam kam und einsam ging.

Dies zu Visualisieren ist kein geringes Vorhaben. Herausforderung genug jedenfalls für die Architektin Zaha Hadid, die im nächsten Jahr Begehren für den steirischen herbst in Szene setzen soll.

Wolfgang Schaufler

erschienen in:
Der Standard, 8. 10. 2001
http://www.derstandard.at

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