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"Vom Schweiß vereist" in den Alpen

In die Gletscherregion von Sehnsucht und Tod entführt Händl Klaus mit "Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen": Ein eisiger Hauch wehte durch den Steirischen Herbst.


Verstreut liegen ein paar mit Schnee bedeckte Tote zu Füßen des Eismassivs, versperren bei der Bergbesteigung den direkten Weg. Doch allmählich füllt sich der Hang. Wie Ameisen kleben die Schaulustigen dicht gedrängt an der Steilwand - mit zentraler Schmelzwasserbahn samt Leiche - und beäugen aus der Vogelperspektive die Geschehnisse.

Weiß verkleidet sind Bühne und Tribüne (Siggi Colpe) im frisch eröffneten Bautechnikzentrum der Technischen Universität in Graz-Ost. Ein traumhaftes Ambiente für die Seelenlandschaften im Herbst-Auftragswerk von Händl Klaus, jenem mit dem Rauriser Literaturpreis und dem Robert-Walser-Preis ausgezeichneten Vielsparten-Talent aus Tirol (Jahrgang 1969), das darauf besteht, den Nachnamen vorweg zu nehmen.

Höhenluft und Weitblick sowie reichlich Distanz bietet die hölzerne Halle jenen Kulturtouristen, die auf den Fährten eines neuen Subjektbegriffs zum steirischen Avantgarde-Festival pilgern. Was sie in den "Alpen" erleben, sind halbgefrorene bis tödlich erstarrte Sehnsüchte und innere Zustände von Frau und Mann, maßgeschneidert für die von Händl favorisierten Schauspieler Olivia Grigolli und Bruno Cathomas. Frostige Befindlichkeiten, die - auch wenn der Text nur leichte 14 Seiten wiegt - unter der Regie des Autors schweren Mut erfordern. Denn da wird eine artifizielle Metaphern-Welt vorgeführt, eine vielschichtige Eisspezialität mit den Aromen mühsamer Lebensgebirge, Verlangen nach endgültiger Ruhe, Einsamkeit, Abschied und Schweigen - und zu Wort gebracht in luftigem Klang, profan heiterem Sprachprofil und tieferem Hintergrund. "Vom Schweiß vereist", "die Augen sind verschluckt" oder "ich bin ein Mensch wie du und ich" sind nur ein paar Kostproben der eigenwilligen Händl-Kreationen.

Im rosa Webpelzmantel balanciert Grigolli auf rutschigem Seinsboden und fleht mit dunkler, klarer Stimme die Alpen herbei als Endzeitpartner für einen müden Geist. Doch es gibt kein Entgegenkommen. Der Ausweg aus den Existenzklippen muß selbst beschritten werden. Und Olivia tritt den Gang an und legt sich im ewigen Eis neben die Toten.

Irrwitzig taucht Cathomas als Fichten pflanzender Förster im Reich der Leblosen auf. Der vereinsamte, naive Naturbursche entwickelt zu den starren Stillen eine leidenschaftliche Freundschaft. Doch die diffuse Liebe endet mit der Erkenntnis, Abschied von den Verstorbenen an der Gletscherspalte nehmen zu müssen: "Ein Jammer. Guten Rutsch, und tschüß! Man sieht sich. Da. Da greife ich bereits ins Leere."

Elisabeth Willgruber

erschienen in:
Die Presse, 8. 10. 2001
http://www.diepresse.com

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