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Hört mich, liebe Alpen! Es ist dringend

Ein Absturz: Der Theatererstling von Händl Klaus - Uraufführung beim "steirischen herbst" in Graz

Wer hat dieses Stück bloß in Auftrag gegeben? Der "steirische herbst", der Alpenverein, die Freunde der Bergrettung oder die "IG Ötzi", die Gesellschaft zur Lokalisierung und wissenschaftlichen Analyse von Eisleichen? Als gesichert gilt, dass "Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen" ein Doppelmonolog von einem Autor, Schauspieler und Regisseur ist, der darauf besteht, seinen Familiennamen vor dem Vornamen auszusprechen.

Gedacht ist der Theatererstling von Händl Klaus als ein im Hochgebirge situiertes Spiel über (Todes)Sehnsüchte und andere Daseins-Begierden. Doch auf der Bühne erlebt der sprachlich wenig konturierte Text einen jähen Absturz ins Banal-Belanglose.Steif, geeist, gekünstelt ist diese Alpen-Burleske: Starrkrampf im Kunstschnee.

Das Publikum als Bergmassiv: Im TU-Bautechnikzentrum wird dem Treiben im Basislager der apokryphen Emotionen aus
erhöhter Position beigewohnt. In der Regie von Händl Klaus scheitert Olivia (Olivia Grigolli) daran, glaubhaft zu vermitteln, dass in der Natur Erlö-sung für urbane Bedrängtheit zu finden sei. Im unwegsamen Sprachgelände stapfend, greift Grigolli zum Mittel der Übersteigerung und überschreitet sowohl die Baum- als auch die Pathos-Grenze. Die Folge: kabarettistisches Nebelreißen, das Outrieren erinnert an den legendären "Watzmann"-Klamauk: "Hört mir zu. Es ist dringend! Liebe Alpen. Hört ihr mich, und könnt ihr mich verstehen?" Die Worte versiegen, die Lebensgeister auch; Olivia gesellt sich zu den entseelten Bergkameraden.

Mit dem Abgang der Älplerin tritt Förster Bruno (Bruno Cathomas) auf das Schneebrett und erfreut zumindest durch den Verzicht auf überkandidelten Ausdruck. Er setzt Tannen, überwindet Gletscherspalten und findet in den Erfrorenen Gesprächspartner, denen er menschliche Wärme einzuhauchen und Schnaps einzuflößen versucht. Die Not dieses vereinsamten Subjekts erscheint skurril, bisweilen tragikomisch, selten berührend. Die Hingeschiedenen und jener, der für den Abschied aus der realen Welt bereit zu sein scheint, pressen sich aneinander, Sprachperlen wie "Sollen die Toten die Toten begraben, oder der Luchs, oder der Fuchs!" erweisen sich aber als unüberwindliche Steilwand für den Aufbau von großen Gefühlen.

Am Ende geht der Mond auf, auf der sparsam genutzten Riesen-Bühne (Siggi Colpe) nähert sich der Sentiments-Faktor einem "Ruhepuls von null" an. Der Berg ruft. Händl Klaus hat geantwortet. Das Theater heult.

Martin Behr

erschienen in:
Salzburger Nachrichten, 08.10.2001
www.salzburg.com

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