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Schatz im Silbersee

Viel Frost um wenig. Die "herbst"-Uraufführung des Stücks von Händl Klaus hielt kaum etwas von dem, was der Text versprochen hatte.

Es ist schon einige Jahre her, da absolvierte ein damals noch junger, sehr schüchtern wirkender Autor eine seiner ersten Lesungen vor einer größeren Zuhörerschaft. Sein Vortrag war reich an Unterbrechungen, denn verschämt und kichernd entschuldigte sich der Dichter immer wieder beim Publikum mit der Beteuerung "I kann ja nix dafür, es steht so da". Nur wenige der Zuhörer wussten um die Doppelbödigkeit der Darbietung, denn der da so dahinprustende Poet hatte nebenher schon eine respektable Ausbildung als Schauspieler genossen.

Der Literat hieß Klaus Händl, er bekam mittlerweile für sein dichterisches Schaffen mehrere Preise, lässt seinem großen kreativen Tatendrang auch als Filmemacher, Librettist, Drehbuchautor und Regisseur freien Aktionsradius, wirkt in TV-Serien mit und ist der Freude an Irritationen treu geblieben. Hartnäckig pocht er deshalb etwa darauf, als Händl Klaus tituliert zu werden.

Feile. Szenenwechsel, Zeitensprung. Für den "steirischen herbst" schuf der hoch begabte Tiroler Sprach-Alchemist die Theaterarbeit "Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen." Sechs Jahre lang feilte Händl angeblich an seinem Stück. Die Feile muss groß gewesen sein, denn die Endfassung schlägt sich auf einigen wenigen Seiten zu Buche.

Da es sich also um kein sonderlich wuchtiges Textmassiv handelt, ist auch der Inhalt rasch erklommen. In zwei Monologen, gesprochen von einer Frau und einem Mann, werden allerlei Sehnsüchte artikuliert, die allesamt den Bach hinunter gehen. Die Frau zieht es aus hitzigen Niederungen hinauf in die friedvolle Stille der Höhen, der Mann wirkt wie ein Renegat aus dem Forsthaus Falkenau. Er wandert in eisigen Regionen so förstermäßig für sich hin und stößt auf drei erfrorene Alpinisten. Allein, deren Tod kümmert ihn wenig. Er rüttelt und schüttelt seine leblosen Neokumpanen und führt muntere Gespräche mit ihnen, über Freundschaft, die lachende Sonne und das Eis, das schmelzen wird, gibt sich fürsorglich und auch homoerotisch. Weil sie aber rein gar nichts erwidern, kippt er sie letztlich ins Wasser. So entstehen die Seen, dieweil die Frau sich damit abfinden muss, dass auch die Berge nur wenig Ansprache bieten.

Trivialitäten wechseln sich runde 70 Minuten ab mit hoch poetischen, stimmungsvollen, feinen Schätzen im Silbensee, das Erdichtete überragt jedoch das Dargebotene um Längen.
Denn Händl Klaus hat den gravierenden Fehler gemacht, sich nicht, wie in der eingangs erwähnten Episode, quasi von sich selbst und dem Geschriebenen loszulösen. Er übernahm die Regie. Als Dramatiker gilt es aber, sich von seinen Geisteskindern, so sehr man sie auch liebgewonnen hat, spätestens vor dem Bühneneingang zu verabschieden.
Händls Beweggründe erscheinen teilweise nachvollziehbar; er bekam mit Olivia Grigolli und Bruno Cathomas seine hochkarätigen Wunschakteure; eigens für sie hatte er ja auch das Stück geschrieben. Die szenische Umsetzung seiner Sehnsuchtsmythologie ist geprägt durch Askese, zu der sich symbolisch gesehen nur ein Tor öffnet: aus diesem gehen Allegorien und zu Figuren gewordene Sätze herein und hindurch. An Emotionen wird da fast nichts transportiert. Das ist kein Nichttheater, das ist seelisches Wetterleuchten ohne Gewitter.

Folie. Wie famos hätte sich, etwa mit den Mitteln der Choreographie, dieser Text beleben lassen, mitten in einem faszinierenden Ambiente. Denn der allzeit auf Asylsuche befindliche "steirische herbst" ist diesmal kurzzeitig im Bautechnikzentrum der TU Graz sesshaft geworden, in einer imposanten Halle, mit ganz in Weiß gehaltenen, steilen Aufgängen zu den Sitztreppen, fast einem Amphitheater unserer Tage gleich, in dem man lediglich die elliptische Form negiert. Die zeitlose griechische Theaterantike grüßt auch so aus allen Ecken und Enden, die so wenig berührende Antwort ist postmodernes Verweigerungstheater, das sich schon vor geraumer Zeit totgelaufen hat. Händl Klaus, ein Unikum mit großen Zukunftsperspektiven, hat ein weiteres potenzielles Unikat in die falsche Folie verpackt und tiefgefroren. Schade drum.

Werner Krause

erschienen in:
Kleine Zeitung, 08.10.2001
www.kleinezeitung.at

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