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Die Dramatik des Leisen

Seit den Anfängen des Genres, seit Jacopo Peris 1600 in Florenz uraufgeführter "Euridice", beherrscht der Mythos vom antiken Sänger Orpheus die Opernbühnen. Ihn zu wählen, um eine neue Form des Musiktheaters zu kreieren, stellt eine ebenso große Hypothek wie Herausforderung dar - Beat Furrer meisterte sie in eindrucksvoller Manier.

In seinem schon in den Bühnenwerken "Die Blinden" (1989) und "Narcissus" (1994) manifesten Bemühen, eine narrative Dramaturgie zu umgehen, greift Beat Furrer in "Begehren" auf vier literarische Vorlagen zurück. Antike Texte aus Ovids "Metamorphosen" und Vergils "Georgica" konfrontiert er mit Passagen aus den 1947 erschienenen "Dialoghi con Leucò" des italienischen Pessimisten Cesare Pavese und dem 1977 produzierten WDR-Hörspiel "Geh nicht nach El Kuhwed" des "Gruppe 47"-Mitbegründers Günter Eich.

Einsamkeit. Diese Texte geben dem Komponisten die Möglichkeit, sich in den zehn Szenen alsbald auf das für ihn Wesentliche zu konzentrieren, auf die - schon den "Narcissus" dominierende - Identitätssuche und die Einsamkeit der beiden Protagonisten, die nicht zueinander finden können.

Beat Furrer gibt ihnen denn auch völlig konträre vokale Profile. "Was war, was gewesen ist", sucht ER sich zu erinnern. Der legendäre Barde der griechischen Mythologie hat offenbar die Fähigkeit, mit seiner Musik zu verzaubern und die Kräfte der Unterwelt zu überwinden, eingebüßt: Er ist nicht mehr Orpheus, er kann nicht mehr singen. Exakt notierten Rhythmen folgend, flüstert der Bariton Johann Leutgeb seine Texte, die nur bei der Begegnung mit Eurydike eine Tonhöhenveränderung erfahren, in ein Mikrofon.

SIE tritt wie eine antike Skulptur aus dem Schatten, wird erst allmählich lebendig. Seiner Eurydike, die ab der siebenten Szene zum Sprechen übergeht, verlangt der 47-jährige Komponist zunächst vokale Höhenflüge ab. Petra Hoffmann, die in Graz beim "musikprotokoll" 1999 Furrers "Aria" zur österreichischen Erstaufführung gebracht hat, meistert sie mit exakt schwebenden Soprantönen.

Raum. Die beiden Solostimmen bettet Furrer mit einem zwölfköpfigen Chor und 15 Instrumentalisten in einen durch die Verstärkung zum Raum werdenden tönenden Rahmen, der unverkennbar seine Handschrift trägt. Der Schweizer, der seit 1992 eine Kompositionsklasse an der Grazer Musikuniversität leitet, folgt auch hier seiner Vorliebe, den Entstehungsprozess seiner Musik hörbar werden zu lassen: Den "Klang aus dem Atemgeräusch entstehen lassen", verlangt er in seiner kalligraphisch notierten Partitur immer wieder von den Choristen.

Den Instrumentalpart lässt er als sehr dicht geflochtenes Gewebe beginnen, das plötzlich reißt: Orpheus ist es gelungen, die Mechanismen der Unterwelt zu stoppen. Danach lichtet Furrer das instrumentale Geschehen im kommentierenden Orchester, in dem die Flöte Orpheus ihre Stimme leiht, beträchtlich auf, richtet er gleichsam ein Zoom auf die Protagonisten. Die Schatten des Hades verwandeln sich in schemenhafte Musik, die mit ihren subtil variierten Farben sehr geheimnisvoll wirkt.

Sogkraft. Begnügt sich Furrer beim - sogar wiederholten - dynamischen Kulminationspunkt in der ersten Szene mit einem dreifachen Forte, so verlangt er an dem von ihm über weite Strecken bevorzugten anderen Ende der Skala stärkere Extreme, führt er seine Musiker immer wieder bis ins vierfache Piano. Damit stellt er effektvoll die Dramatik des Leisen unter Beweis. Er entwickelt eine immer stärker werdende Intensität, deren Sogkraft sich der konzentrierte Zuhörer anderthalb Stunden hindurch nicht entziehen kann.

Angesichts der szenischen Aufdringlichkeit, mit der die Grazer Oper 1994 Furrers "Narcissus" bei der Uraufführung schwer beschädigt hatte, war es durchaus kein Nachteil, Furrers "Begehren" jetzt nur in konzertanter Form im Grazer Schauspielhaus kennen lernen zu können, wo der Komponist mit dem Vokalensemble NOVA und dem ensemble recherche exzellente Interpreten dirigierte.

Die erste szenische Aufführung dieser Co-Produktion zwischen dem "steirischen herbst" und Gérard Mortiers Ruhr-Triennale folgt in einem Jahr: Die deutsche Choreographin Reinhild Hoffmann wird sie in Bühnenbildern der persischen Architektin Zaha Hadid in der Grazer Oper inszenieren.

"Begehren" von Beat Furrer im Grazer Schauspielhaus: Heute, 11.30 Uhr. Karten: Tel. (0 31 6) 81 60 70.

CD-Tipp: "Stimmen", "Face de la chaleur", "Quartett" und "Dort ist das Meer" von Beat Furrer (KAIROS).

Ernst Naredi-Rainer

erschienen in:
Kleine Zeitung, 7. 10. 2001
http://www.kleinezeitung.at

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