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Wenig Erhellendes im Wörter-Sumpf

"Die Zukunft der Literatur" hat noch nicht begonnen. Oder doch schon vor hundert Jahren? Leider keine Antworten "Im Buchstabenfeld".

Die Zukunft der Literatur". Nicht mehr. Nicht weniger. Der Anspruch der Ausstellung "Im Buchstabenfeld" im Untertitel ist hoch, Kurator Peter Weibel versucht mit Beiträgen von rund zwanzig Künstlern aus England, Deutschland, den USA, Australien, Brasilien, Japan und Österreich den Entwurf dieser Zukunft. Im Katalog wickelt Weibel flink und wortreich die Apotheose dieser künftigen Literatur ab, einer Literatur, deren ausschließlicher Inhalt das Sprachmaterial und seine Organisationsstrukturen selbst sein sollten.

In diesem Zusammenhang gibt es gleich eine strenge Rüge des Medienprofessors für die Literaturwissenschaft und die "akkreditierten Verwalter der Literatur". Die Vorstellungen der solcherart Gerügten seien "depraviert", indem sie etwa den "Charakter von beschriebenen Personen" untersuchten und nicht "die vom Autor geleistete Spracharbeit". Und: "Vor lauter theologischen Disputationen, soziobiologischen Applikationen etc. sind die Substanz literarischer Werke, ihre sprachliche Organisation in die Zone extremer Unschärfe gerückt."

Die schlechte Nachricht: "Im Buchstabenfeld" gelingt die Scharfstellung nicht. Ganz im Gegenteil. Der Gang durch die mit allerlei High-Tech-Gerätschaften bestückten Räumlichkeiten verwischt in Summe viele Spuren Richtung Zukunft, mündet im Gefühl, die Inszenierung absoluter Belanglosigkeiten hinter sich gebracht zu haben.

Natürlich: Die Literaturwissenschaft käme hier keinesalls in Versuchung, "Charaktere" zu analysieren. Aber auch die Anreize, "geleisteter Spracharbeit" nachzuforschen, sind gleich Null, weil das präsentierte Material nie in den Verdacht gerät, etwas mit Literatur zu tun zu haben.

Zumindest nicht mit einer Literatur, die - und sei es in noch so embryonalem Zustand - über fraglos spannende Experimente hinaus geht, die Autoren - von Joyce bis Jandl - im vergangenen, aber auch schon im vorvergangenen Jahrhundert durchführten.

Verschwinden. "Im Buchstabenfeld" verschweigt das nicht. So haben Constanze Ruhm und Klaus Scherübel Arbeiten Stéphane Mallarmé (1842 bis 1898) gewidmet. Dessen Überlegungen zu einem "totalen" und "entpersönlichten" Buch ("Le Livre") sind auch Basis für Weibels Visionen: "Dort, wo die Sprache allein spricht, der sprachliche Algorithmus dominiert, postuliert Mallarmé folgerichtig das postmoderne Verschwinden des Autors, aber auch des Lesers und schließlich des Buches selbst."

Das klingt für Freaks gedruckter Wortware bedrohlich, ist aber kein Grund für wirkliche Besorgnis. Die mehr oder weniger aufwändigen Installationen summieren sich nämlich zu einer Leistungsschau des (scheinbar) entpersonalisierten Wortgetümmels, die wohl die beste Propaganda für "konventionelle" Literatur (ist Mallarmé konventionell?) ist. Wer Gründe dafür sucht, dass das Buch und sein Autor noch lange nicht am Ende sind - hier findet er sie zuhauf.

Reduzierung. Dass die Anbieter von e-books, also elektronischen Büchern (das herkömmliche Buch heißt nun p-book, p wie print), ihre hochgeschraubten Erwartungen drastisch reduziert haben, weil Nachfrage praktisch nicht vorhanden ist, sei nebstbei angemerkt.

"Im Buchstabenfeld" finden sich nette Spielereien (etwa Masaki Fujihatas interaktives Bilder-Wörterbuch, bei dem sich ein Apfel virtuell anbeißen lässt), mediale Klassiker (wie Jeffrey Shaws "Die lesbare Stadt", warum eigentlich?) und unbefriedigende, das Interesse rasch zum Erlahmen bringende Beteiligungsmodelle (David Gabriels "Poetry Machine", Axel Rochs "Diagrammatical Read/Write-Head").

Einzig Charles Sandisons "Tabula rasa" hinterlässt eine starken Eindruck. Widersetzt sich aber den Thesen, indem sehr wohl sinnfällige "Geschichten" erzählt werden. Der in Finnland lebende Schotte hat einen spielerischen (kriegerischen?) Wettstreit der Wörter "black", "blue", "red" und "white" entwickelt, in den er als "mad scientist" über den Zufallsgenerator eingreift. Die Folgen sind jeweils nicht absehbar, am Ende hat jedenfalls eines der Wörter alle anderen geschluckt.

Oberflächlich. Plakat und Katalog der Schau zeigen den Titel "Im Buchstabenfeld" als Block von vier mal vier Lettern. Das erleichtert zwar die Lesbarkeit nicht, erfüllt aber, so Weibel, "alle Anforderungen an ein magisches Quadrat". Naja. Jedenfalls zeigt auch diese formalistische Oberflächlichkeit das Dilemma der ganzen Unternehmung - ihre extrem eingeschränkte Perspektive. "Die Zukunft der Literatur"? Eher doch nicht.

Im Buchstabenfeld. Neue Galerie, Graz, Sackstraße 16. Bis 25. November. Lesungen: Michael Lentz (9. Oktober), Franz Josef Czernin, Ferdinand Schmatz (18. Oktober), Bastian Boettcher (25. Oktober), Neue Galerie, jeweils 19 Uhr.

Walter Titz

erschienen in:
Kleine Zeitung, 7. 10. 2001
http://www.kleinezeitung.at

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