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Schabernack und kein Schnellschuss
Am Stehplatz hat man nichts verstanden: "herbst"-Eröffnung in Graz

Graz - "Mit deiner Nase ist alles in Ordnung." Oder: Schön ist Karl Mays Abschied von Winnetou. Was könnte man also bei Eröffnungszeremonien nicht alles sagen und rezitieren! Meist zählt ja doch eher das folgende Programm.

Fünf Schauspieler trieben also am Donnerstagabend beim Auftakt des steirischen herbsts Schabernack mit drohenden Beliebigkeiten. Und auch das Ernesto Molinari Trio demonstrierte mit einer Art von inspirierender jazziger Atemübung, dass man oft genau hinhören und -sehen müsste, um hinter wuchtigen Inszenierungen auch Inhalte (und in diesem Fall: exzellente Musik) wahrzunehmen: Es schnauft der Saxophonist, Gitarrist und Schlagzeuger bewegen sich hart am Rand zur hektischen Virtuosenpantomime. Leider war dies für einen Großteil des Publikums in der - ziemlich dezentral gelegenen - neuen Halle des Bautechnikzentrums der TU Graz nicht wahrnehmbar.

Vorne: eher schütter belegte Sitzplatzreihen. Hinten: Hundertschaften von Stehplatzbenutzern, die zwischen Barlärm und anschwellendem Gesprächslärmpegel auch kaum etwas davon mitbekamen, was Eröffnungsredner Gerhard Rühm - ironischerweise - über Stille und (bzw. als) Provokation zu sagen wusste. Wobei er sich vorher des Zwangs zur Aktualität entledigte und meinte, eine Anthologie intellektueller Statements zum 11. September wäre wohl langweilig.

Wenig versäumt haben die hinteren Reihen bei der Rede von Intendant Peter Oswald, der das "Ich" in Zeiten wie diesen hochleben ließ, sich also auf die Spuren desselben begeben will und sich als Urheber eines "hochkomplexen Programms" - no na! - ein "kontroversielles" Festival wünscht. Auf pragmatische Weise erfrischend hingegen herbst-Präsident Kurt Jungwirth, der meinte: Es habe Überlegungen gegeben, einen Programmpunkt zum 11. September "herbeizuzaubern". Aber "ein Schnellschuss wäre nicht gut möglich und sinnvoll gewesen, genauso wenig wie ein militärischer".

Sehr sinnvoll und mitreißend nachher die Liveauftritte von Tonino Carotone und Yonderboi. Carotone, der als gebürtiger Spanier gewissermaßen Adriano Celentano durch den Tarantino-Reißwolf jagt, hatte anfangs zwar damit zu kämpfen, dass das Publikum lange Zeit einen Respektabstand von etwa zehn Metern zur Bühne hielt. Aber irgendwann war alles gut. Mucho Tanzo - oder so ähnlich. Mögen die kommenden herbst-Wochen ebenso schwungvoll sein!

Claus Philipp

erschienen in:
Der Standard, 6. 10. 2001
http://www.derstandard.at

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