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Fellinis Ziehsohn

Josef Winkler. Der Regisseur üppiger Lebens- und Todes-Bilder schrieb eine römische Novelle voller Sinnlichkeit.

Er lebt hinter vorhanglosen Fenstern, ein beobachteter Beobachter. Auf dem Regal im Vorzimmer lagert ein halber Meter "Wunschloses Unglück". Josef Winklers Vorratspackung an Peter-Handke-Geschenkbüchlein. Im Wohnzimmerschrank dutzende Kassetten mit indischer Musik, im Arbeitszimmer ganze Stöße abgegriffener Karl-May-Bände. Für einen biografischen Essay von Klaus Amann kam Josef Winkler einmal auf die Idee, dass es nicht unspannend wäre, alle Fragen mit Zitaten aus Karl-May-Büchern zu beantworten. Es lief dann doch anders, weil Winkler (und das gilt nun nicht nur für diesen einen Abend) außerstande war, "mit germanistisch geschwollenem Hals zu antworten".

Winklers Stärke ist der insistierende Blick, die "unglaubliche, fast fanatische Genauigkeit in seinem Werk", wie Ilse Aichinger beeindruckt feststellte. Das führt dazu, dass etwa Antonio Fian "Josef Winklers Texte, hat man sich erst ihre Schönheit erschlossen, nicht mehr los wird." Und Peter Oswald, Intendant des steirischen herbstes, ihn für den "spannendsten Autor Österreichs, wenn nicht gar des deutschen Sprachraums" hält. Nachdem die Kulturinitiative Stift Griffen im Sommer den ersten Versuch machte, Winklers Bühnenreife zu demonstrieren (die Collage "Blutorange mit Heiligenschein"), ist der 48-Jährige heuer auch als Theaterautor in Graz zu entdecken: Tina Lanik inszeniert die Uraufführung seiner szenischen Befragung "Tintentod", die Begegnung mit einem Übertreibungskünstler, der höhnisch Karl May (!) zitiert, inklusive.

Nichts, was Josef Winkler bisher in zum Teil manischer Wiederholung zu Papier gebracht hat, lässt kalt. Die einen schätzen ihn, kaufen die Romane, die auch penibel geführte Tagebücher sein könnten, und halten sie in Griffweite. Andere (und auch Nicht-Leser) erregen sich. Vor allem im Umkreis seines Heimatortes Kamering, wo der vom Trambaum schwänzelnde Kalbsstrick in der sprachlosen, katholischen, dörflichen Welt die Worte aus dem jungen Josef Winkler herausquellen ließ. In das "Menschenkind". Das war Ende der Siebzigerjahre und ist nachzulesen in der Trilogie "Wildes Kärnten". Noch heute schließt Josef Winkler nicht aus, "dass mich einmal jemand erschießt bei einer Lesung." Das Dorf hat ihm nie verziehen, dass er eine Sprache für das Unaussprechliche gefunden hat.

Die Provinz, und damit meint er Klagenfurt, halte er nur deshalb aus, weil er nicht immer da sei. Sagt Josef Winkler. Sein Thema ist der Tod und den findet er überall. Daheim; dann in Rom, wohin er auszog, um das Fürchten nicht zu verlernen ("Der Friedhof der bitteren Orangen"); am Ufer des Ganges, wo seine Beobachtungen in den großen Indien-Roman "Domra" einflossen, und wieder im Kärntner Dorf - mit den souverän erzählten Lebens- und Sterbensgeschichten "Wenn es soweit ist", in denen erstmals auch eine Art schwarzen Humors auffunkelt.

In der römischen Novelle "Natura morte" hat der Autor nun den Tod in ein überaus lebendiges Gemälde gebettet. Auf 100 Seiten voller Sinnlichkeit mit Szenen von jener dämonischen Ambivalenz, wie man sie aus Federico Fellinis Meisterwerken kennt. Josef Winkler nimmt den Leser an der Hand, führt ihn von der Stazione Termini zur Piazza Vittorio Emanuele und lässt einen fast atemlos werden bei den bildsatten, sinnlichen, ja besessen wirkenden Schilderungen des Markttreibens. Zwischen Rinderherzen und Schafsgehirnen, Schlachtmessern und Pollo diavolo, schwarz gekleideten Nonnen und stillenden Zigeunerinnen fließen Blut und andere Körpersäfte. Die Fleischhauer, die Froschschenkelverkäuferin mit den Schimpansenfingernägeln, die Blumenmädchen und Fischhändler werden so präzise beschrieben, dass man damit rechnet, sie beim nächsten Rombesuch an der Narbe am Unterarm, den als Ohrstecker getragenen Plastikschnullern oder an ihren Lieblings-T-Shirts erkennen zu können.

Mit Winkler über die Piazza zu schlendern, heißt ständig das Tempo zu ändern, eintauchen in das Stimmengewirr, Ekel und Faszination beinahe körperlich zu empfinden, den wuchtigen Cocktail ineinanderströmender Gerüche in der Nase zu haben - Espresso, Katzenpisse, (verfaulenden) Fisch, frische Kräuter, Schweiß, Pfirsiche, nassen Hund und dampfende Erde.

Mit durchaus auch begehrlichem Blick folgt Josef Winkler in diesem Stillleben (das Synonym für "Natura morta" in der bildenden Kunst) dem hübschen Piccoletto "mit den langen, fast seine Wangen berührenden Augenwimpern". Der sechzehnjährige Sohn einer Feigenverkäuferin hilft beim Fischstand auf der Piazza und rückt mit einem Flirt vor dem Petersdom in das Zentrum der Novelle. In der Schilderung der unsicher wie lustvoll ablaufendem Annäherung von Piccoletto an das namenlos bleibende Mädchen arrangiert Josef Winkler auf grandiose Weise eine Fülle von Details und Beobachtungen. Im Kapitel "Deine verfluchten Toten", in dem Piccoletto von einem Einsatzwagen der Feuerwehr totgefahren wird, komponiert der Autor alle Eindrücke zu einem barocken Kunstwerk.

Wiewohl er Szene für Szene in derart üppiger Farbigkeit und Intensität beschreibt, dass alles wie ein Film vor dem inneren Auge des Lesers abläuft. Im Tod, als er auf den Markt getragen wird, berühren Piccolettos Wimpern die Wangen - eine seltsame Stimmung beglückender Traurigkeit schwebt über diesem Bild.

Den sechs Kapiteln vorangestellt sind Strophen aus Giuseppe Ungarettis Gedichtzyklus "Giorno per giorno", den der Dichter nach dem Tod seines neunjährigen Sohnes Antonio schrieb.

Uschi Loigge

erschienen in:
Kleine Zeitung, 6. 10. 2001
http://www.kleinezeitung.at

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