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Das Ding Ich
Wie stellt Kunst Menschen und Körper dar

Mit Abbildungen von Menschen beschäftigt sich die Ausstellung "Abbild" im Landesmuseum Joanneum in Graz, die Peter Pakesch für den "steirischen herbst" kuratiert hat. Ikonen der letzten Jahrzehnte wie Jeff Walls "Picture for Women" (1979) sind dabei ebenso zu sehen wie neue Bilder etwa von Chuck Close und beeindruckende Arbeiten bisher wenig bekannter Künstler.

"Das Ding Ich". Über dem Eingang des Joanneums hängen sieben großformatige Transparente des Schweizer Künstlers Rémy Zaugg, kurze Wortketten als lakonische Subtitel der von Peter Pakesch kuratierten Ausstellung "Abbild". Sie markieren Pole und Fragestellungen, die sich durch die gesamte Ausstellung ziehen: Wie stellt Kunst Menschen und Körper dar? Wie schlagen sich dabei Kategorien wie Subjekt, Individuum, Geschlecht nieder? Welche Verhältnisse stellen sich zwischen Abbildenden, Abgebildeten und Betrachtern ein?

Fragen

Man könnte anzunehmen geneigt sein, dass diese Fragen in den vergangenen Jahrzehnten erschöpfend behandelt worden wären. Die ausgestellten Arbeiten von mehr als 50 Künstlerinnen und Künstlern lassen allerdings ahnen, dass einst gefundene Antworten ihre Gültigkeit und damit auch die Relevanz der Fragen stets neu unter Beweis stellen müssen: Verlangt die Tagespolitik mit Nachdruck kritiklose Geschlossenheit, internationale Schulterschlüsse und setzt damit wieder auf das in sich geschlossene Subjekt als Referenzmodell, sind davon offensiv abweichende Positionen um so notwendiger.

Konzepte

Das Konzept der Ausstellung bewegt sich dabei in einem so eigentümlichen wie spannenden Gegensatz zu den Arbeiten: Die von Pakesch temporär zusammengestellte Sammlung vermittelt durchaus den Eindruck eines umfassenden Überblicks über zeitgenössische Positionen zum Porträt und damit jene Geschlossenheit, die jede Arbeit für sich immer wieder auflöst.

Ikonen der letzten Jahrzehnte wie Jeff Walls "Picture for Women" (1979) sind dabei ebenso zu sehen wie neue Bilder etwa von Chuck Close und beeindruckende Arbeiten bisher wenig bekannter Künstler: Arthur Zmijewski ließ für seine Fotoserie "An eye for an eye" (1998) die versehrten Körper von Invaliden von anderen Modellen ergänzen. Statt Projektionsflächen für folgenloses Mitleid zu bieten, stellt der Künstler Reflexionen über symbolische und dennoch gesellschaftlich notwendige kollektive Heilungsprozesse an.

Ähnlich eindringlich auch die Bilder des Chinesen Yang Shaobin: Aus Lehm, jenem Urstoff alter Schöpfungsmythen, scheinen die grellfarbigen Gesichter der Protagonisten seiner großformatigen Gemälde gemacht, die sie sich selbst und gegenseitig mit harten Händen verformen.

Korrespondenzen

Dass die Zusammenstellung der Arbeiten in den einzelnen Räumen zuweilen beliebig erscheint, gereicht der Ausstellung nicht zum Nachteil - Korrespondenzen bilden sich nicht nur zwischen einander gegenüberstehen Werken, sondern spinnen sich zwanglos fort und über die Grenzen des eigentlichen Ausstellungsortes hinaus: Auch die permanente Sammlung barocker und mittelalterlicher Kunst hat einige Arbeiten aufgenommen.

Was in anderen Kontexten leicht als Geste pubertärer Auflehnung gegen eine übermächtige Tradition erscheint, kann hier eine unaufdringliche Einladung sein, die Kunst der Vergangenheit und die der Gegenwart jenem Konformismus abzugewinnen, der immer im Begriff steht, beide zu überwältigen und als Bildungsgut unschädlich zu machen.

Friedrich Tietjen

erschienen in:
ORF ON, 6. 10. 2001
http://www.orf.at

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