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Alte Reiche und neue Arme

Der "steirische herbst 2001" ist eröffnet. Alle
Reden streiften ein Thema: die Pflicht, einige
Dinge im Leben neu denken zu müssen.

Nomadismus ist ja ein Markenzeichen des "steirischen herbstes". Und so wurde auch heuer zur Eröffung am Donnerstagabend ein neues Lager aufgeschlagen: das Bautechnikzentrum der Technischen Universität in Graz-St. Peter, mit dessen kühler Innenarchitektur das heurige Programm durchaus korrespondierte. Der Festakt selbst war unglamourös wie immer angelegt. Doch musikalisch regierte bunte Vielfalt: Das Ernesto-Molinari-Trio aus Wien schlug beherzte Crossover-Bögen. Der Spanier Tonino Carotone erinnerte an Manu C., klang aber sehr wie Adriano C. Und Yonderboi aus Budapest triphopten, als läge Brighton in der Puszta.

Traditionsgemäß gab es auch Reden. Wenngleich - seit dem Vorjahr - keine von Politikern. "herbst"-Präsident Kurt Jungwirth betonte einmal mehr die Kompetenz des "herbstes" als "freie Bühne für Versuch und Irrtum, für das Experiment". Die gegenwärtige Konfliktsituation diagnostizierte Jungwirth hellsichtig "nicht als Clash der Kulturen, nicht als Kampf zwischen Gut und Böse. Primär geht es um die enormen Klüfte zwischen den alten Reichen und den jungen Armen." "herbst"-Intendant Peter Oswald kritisierte in diesem Zusammenhang den "infamen Versuch",im Schatten der Terrorbekämpfung "die ohnedies schon restriktive Asylpolitik weiter zu verschärfen und Menschen vorweg als kriminell zu verdächtigen".

Offizieller Eröffnungsredner war heuer Gerhard Rühm. Er strich die üble Rolle "des Scharfmachers Ariel Scharon" und seiner aggressiven Siedlungspolitik heraus, ehe er mit seinem eigentlichen Referat begann. Laut Rühm schon vor dem 11. September erdacht, ging die Rede u.a. auf (kunst-)historische Provokationen, wie jene der Berliner Kommune 1, des Wiener Aktionismus etc., eingefahrener Lebenshaltungen ein. Sie passte aber auf bizarre Weise in die Gegenwart: Wenn man die These akzeptiert, dass Provokation eine Botschaft ist, die zündet, die Weiter- oder gar Umdenken erzwingt, dann muss die Frage erlaubt sein, warum plötzlich so viel gedacht wird. Über Menschenrechte, über Klüfte etc. Auf blutige Weise hat der Terror das erzwungen, was die Kunst schon viel länger in ungleich menschenfreundlicherer Form durch Provokation geleistet hat. - Nachdenklichkeit und das Gefühl, neu denken zu müssen.

erschienen in:
Kleine Zeitung, 05.10.2001
www.kleinezeitung.at

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