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Die Welten hinter den Blicken

Heute wird der "steirische herbst" eröffnet. Die Hauptausstellung rückt die Vielfalt des Menschenbilds ins Zentrum

Herr Peter Pakesch, die von Ihnen kuratierte Schau "Abbild" stellt einerseits das Menschenbild andererseits doch wesentlich die Malerei ins Zentrum. Darf das im Jahr 2001 sein?

PETER PAKESCH: Ich meine, dieses Thema hat keinerlei Ablaufdatum und ob eine diesbezügliche
Ausstellung aktuell ist, kann wohl nur eine Frage
der Perspektive und der Umsetzung sein.

Was konkret wollen Sie mit rund zweihundert Exponaten von etwa fünfzig Autoren aus Ost, West, Süd und Nord beweisen?

PAKESCH: Ich möchte zeigen, wie das Porträt in einer nur scheinbar inkonsequenten Weiterführung der Moderne aus der Konzeptkunst gleichsam neu erfunden wurde. Historische Markierungen sind ein Gemälde von Gerhard Richter von 1968 und Douglas Hueblers klarerweise unvollendetes Projekt der
fotografischen Bestandsaufhnahme der gesamten Menschheit.

In der Weiterführung dieser offenbar permanenten Neuerfindung des Porträts fällt eine starke Wechselwirkung diverser Medien auf.

PAKESCH: Diese Wechselwirkung unterschiedlicher Techniken ist sehr spannend.Vor allem jüngere Künstler bewegen sich so einfallsreich wie souverän zwischen Fotografie und Malerei. Wobei interessant ist, wie unterschiedliche Kunstgeschichten sich stilistisch auswirken.

Etwa?

PAKESCH:Ich habe etwa die Arbeiten der Österreicher Muntean/Rosenblum jenen des Chinesen Xie Nanxing gegenüber gestellt. Beides geht von Fotos aus und kommt doch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, gerade auch im malerischen Ansatz. In manchen Fällen führt das zu fantastisch hybriden Formen. Das extremste Beispiel sind wohl die Arbeiten von Yasumasa Morimura.

Der Japaner, der sich auf den in "Abbild" gezeigten Werken in die mexikanische Malerin Frida Kahlo verwandelt.

PAKESCH: Ja. Sich noch dazu mit Versatzstücken aus unterschiedlichsten Kulturen umgibt und die so entstandenen transkulturellen Ikonen zusätzlich digital bearbeitet.

Und letztlich einen nahezu altmeisterlichen
Eindruck erzeugt.

PAKESCH: Die historische Reflexion von Mitteln der Menschendarstellung ist sicher auch ein roter Faden. Deshalb habe ich auch die Alte Galerie als
Ausstellungsort einbezogen. Es kann verblüffen,
mittelalterliche Madonnen in Konfrontation mit dem Video einer Künstlerin und Mutter von heute zu bringen. Oder Cindy Shermans imaginäre Porträts mit barocken Bildnissen. Eine Arbeit von Louise Bourgeois tritt in Dialog mit Breughel-Gemälden.

Es fällt auf, dass Sie Videos sehr sparsam platzieren. Im Gegensatz etwa zu Harald Szeemann bei seiner diesjährigen Biennale in Venedig, die ja auch eine Art globales Menschheitsporträt versucht.

PAKESCH: Ich habe mich hier auf einige wenige
Positionen beschränkt, um Perspektivenwechsel zu ermöglichen, den Parcours zu akzentuieren. Im
Hauptteil sind es "Nocturnes" von Anri Sala und eine Arbeit von Christopher Williams. Sala portärtiert zwei extreme menschliche Existenzen, einen Fischliebhaber, der seine ganze Wohnung zum Aquarium gemacht hat, und einen Scharfschützen der Fremdenlegion. In der alten Galerie gibt es das erwähnte Video von Renée Levi sowie Bänder von Heimo Zobernig und Maria Friberg.

Sie stellt Sprechpausen von Präsident Bush neben das Totenbildnis von Maximilian I.

PAKESCH: Eine Variation zu menschlicher Macht und Ohnmacht.

"Abbild" rückt den Menschen ins Zentrum, betont aber ganz besonders das menschliche Gesicht.

PAKESCH: Die Wandlungsfähigkeit des menschlichen Gesichts, seine unerschöpfliche Fähigkeit zur Permutation ist einfach faszinierend. Das heißt aber nicht, dass der Körper kein Thema ist. Es sind allerdings immer Körper, die an Gesichter gebunden sind.

Ein gewichtiger Block mit Kippenberger-Arbeiten steht wohl für diesen Komplex?

PAKESCH: Ja, Kippenbergers "Handmade Pictures". Besonders beeindruckend auch eine Fotoserie des Polen Artur Zmijewski, in welcher behinderte und nicht behinderte Personen zu Symbiosen vereint sind. Das zeigt einerseits ganz praktische Aspekte der Hilfe auf, führt aber andererseits tief in mythologische Gefilde. Vor diesen Bildern versteht man, was ein Zentaur sein könnte.

Die Fassade des Joanneums hat Remy Zaugg gestaltet, ein strenger Bildvermeider. Warum?

PAKESCH: Zaugg zählt neben Albert Oehlen und den Schwestern Claudia und Julia Müller zu den
Teilnehmern, die eigens Arbeiten angefertigt haben. Ich glaube die Textarbeit des protestantischen Ikonoklastikers Zaugg ist ein Auftakt, der eine ganz wichtige Perspektive eröffnet - den Blick nämlich auf die Ideen hinter den Gesichtern.

Abbild. Landesmuseum Joanneum, Graz, Neutorgasse 45. Eröffnung: morgen, 18.30 Uhr.
Ausstellungsdauer: 6. Oktober bis 16. Dezember,
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr.

Walter Titz

erschienen in:
Kleine Zeitung, 04.10.2001
www.kleinezeitung.at

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