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Auf Ich-Suche in Krisenzeiten

Mit einer Rede von Gerhard Rühm wird heute, Donnerstag, in Graz der "steirische herbst" eröffnet. "Zeiterkundung" statt "Festivalzirkus".

Markante Zeichen im Stadtraum sind rar. Ein fallweise bespieltes Schaufenster im Großkaufhaus sowie abermals von grafischer Kargheit geprägte Plakate aus der Werkstatt von Ecke Bonk sind die einzigen visuellen Vorboten für den "steirischen herbst".

Anders als in seinem Auftaktjahr hat Intendant Peter Oswald heuer auch auf klingende Namen aus dem kulturtouristischen Festivalzirkus verzichtet. In über 50 Einzelprojekten widmet sich das heimische "Zeiterkundungsfestival par excellence" einer
umfassenden Ich-Recherche. Die Erörterungen rund um ein "rebellierendes Subjekt" stehen im Schatten der aktuellen weltpolitischen Krisensituation.

Auf das Eröffnungsfest im neuen Bautechnikzentrum der TU Graz wollte Oswald nach anfänglicher Skepsis doch nicht verzichten. Da man sich von "leeren Ritualen" nicht anstecken lassen wolle, werden nach einer Rede des Alt-Avantgardisten Gerhard Rühm Tonino Carotone und "Yonderboi" musikalische Akzente setzen. Gerade in Zeiten, die von Angst vor einem Kriegsszenario geprägt seien, müsse Kunst und Kultur Wege aus dem Schock, der "tiefen Lähmung" finden, betont Oswald.Seine Äußerung, wonach etwa in der bildenden Kunst in Graz keine Szene existiere, hat er revidiert, jetzt beklagt er den Mangel an "reaktionären Gegnern" in Graz: "Kurt Krenns Äußerungen wären mir hier manchmal nur zu recht."

Wenn schon Streit, dann intern: Die Neue Galerie Graz schert aus der langjährigen Kooperation mit dem "herbst" aus. "Man hat uns Ideen gestohlen, es wird Kompetenz zerstört, es wird unterdrückt, das Ganze ist unprofessionell", erklärt Chefkurator Peter Weibel. Oswald habe sich, so Weibel, dazu entschlossen, eigene Ideen verwirklichen und nicht mehr mit Mitveranstaltern zusammenarbeiten zu wollen: "Wir sind auf den ,herbst' nicht angewiesen und zeigen ein autonomes ,Herbstprogramm'."

"herbst"-Sprecher Dietmar Seiler weist die Vorwürfe entschieden zurück, bedauert den seit der vorjährigen Rudi-Gernreich-Schau schwelenden Konflikt: "Schade, dass wir offensichtlich nicht miteinander können."

"Abbild"-Macher Peter Pakesch zurück nach Graz?

Das Hauptprojekt der bildenden Kunst, die Ausstellung "Abbild", wurde von Graz-Heimkehrer Peter Pakesch - er wird als heißer Tipp für den Posten des Joanneum-Direktors gehandelt - kuratiert. Die Schau über die Menschendarstellung sorgt bei Weibel für Kopfschütteln: "Das Ganze wurde bereits vor Jahren in Venedig abgehandelt."

Theater-Schwerpunkte sind die Uraufführungen von Händl Klaus ("Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen") und Josef Winkler ("Tintentod"), Oswald-Liebling Beat Furrer lieferte mit "Begehren" ein Musiktheater nach Texten von Pavese, Eich, Ovid und Vergil ab: "Sensationell, vom Klangbild habe ich schon mehrmals geträumt."

Weitere Höhepunkte aus dem 375 Seiten starken Programmbuch? Das "Genpool, Menschenpark, Freizeitkörper"-Symposion, eine umfassende Würdigung von Gerhard Rühm, diesem "Professor der Grenzüberschreitungen", eine üppige, weil 19 Veranstaltungsorte umfassende Schau des Künstlers Jörg Schlick, ein literarisches Börsenspiel, das "musikprotokoll" zum Thema "living room - the social dimension of sound waves" sowie ein tanz- und streitbares Nachtprogramm in der "herbstbar".

Mit einem 50-Mill.-S-Budget ausgestattet, stellt sich der "herbst" folgender Frage: "Wo steht das Subjekt?" Oder: Gibt es, wie es Herbert Lachmayer formuliert, abseits von Identitäts-Styling, Personality College und anderen neofundamentalistischen Überlebenshilfen eine Freiheit des Individuums?

Martin Behr

erschienen in:
Salzburger Nachrichten, 04.10.2001
www.salzburg.com

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