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"Urwut im Bauch"

Kulturpolitik. Grazer Künstler machen gegen altehrwürdige Institutionen mobil. Ebenfalls im Fadenkreuz: die „Kulturhauptstadt Graz 2003“.

Es war eine herzinnige Beziehung, die jetzt in Trümmern liegt: Als 13-jähriger Schüler hörte Martin G. Wanko stundenlang die Platten des gebürtigen Grazer Schauspielers und Sängers Franz Morak. Wenn Wanko, inzwischen mäßig erfolgreicher Schriftsteller und Theaterautor, heute über den Kunst- und Medienstaatssekretär Franz Morak spricht, wähnt man sich an einem polternden Stammtisch, an dem mit inquisitorischer Schärfe kübelweise Spott und Hohn ausgeschüttet werden.

Auch anderswo bläst Wanko, 30, zum Gefecht: In dem Stück „Der Schleim“, das bei dem von Wanko organisierten Grazer Festival „upsites“ (noch bis zum 7.Oktober) jüngst seine Premiere feierte, tritt ein „Kulturminister Franz Morast“ auf.
In dem Brachial-Theater, von Wanko sehr wahrhaftig als „politische Trash-Tragödie“ untertitelt, macht sich der Furor allerdings vorwiegend in schalen Sprüchen bar jeder Ironie Luft, Wanko betätigt sich lustvoll als unflätiger Pöbler. Textprobe: „Die, die das größte Stück vom Kuchen haben, scheißen die widerlichsten Haufen.“ Kaltschnäuzig wird im Programmheft auch ein Brief an Wanko faksimiliert, in dem ihm Morak den Erhalt des Dramatikerstipendiums im Wert von 90.000 Schilling mitteilt.

In Graz hat sich – mit Wanko als Speerspitze – seit kurzem eine lose Gruppe von jungen Künstlern formiert, die offensiv gegen das institutionalisierte Kunstgeschehen in der Stadt vorgeht. Leidenschaftliches Zanken und Raufen sind angesagt. „Es ist die allergrößte Peinlichkeit“, sagen Martin Behr und Günther Holler-Schuster vom Künstlerkollektiv „G.R.A.M.“ unisono, „dass sich
Graz ,Kulturstadt‘ nennt.“

„upsites“ (Motto: „Kunst kann krachen“) versammelt Dichterlesungen, Comicpräsentationen oder Musikbeiträge wie die „Lieder eines Lumpen“ mit dem Akkordeon-Hero Otto Lechner. Es versteht sich explizit als „kritische Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt“ und will – neben der bundespolitischen Kampfansage – vor allem auch auf die angeblichen Grazer Missstände aufmerksam machen: Durch die Dominanz von Großveranstaltungen wie dem steirischen herbst (Budget: 50 Millionen
Schilling), durch die „totale Anpassung an den internationalen Festspielrhythmus“ (Wanko) finde die lokale Kunstszene überhaupt keine Beachtung mehr, lautet die Anklage. Bei der Planung für Graz als „Europäische Kulturhauptstadt 2003“ sei jetzt schon absehbar, dass „nur ein superteurer Scherbenhaufen, der ultimative Mega-GAU“, herauskomme, sagt der Illustrator Jörg Vogeltanz, der das Plakat für „Der Schleim“ gestaltet hat.

Einiges liegt tatsächlich im Argen: Bis heute gibt es in Graz keinen Übersichtsplan über die lokalen Kunstgalerien. Zum Projekt „Die Insel in der Mur“ (Behr: „Eine reine Tourismus-Aktivität“) vom New Yorker Kunststar Vito Acconci, das im Rahmen der „Kulturhauptstadt Graz“ um 70 Millionen Schilling (Gesamtbudget: 700 Millionen Schilling) entstehen soll, existieren bislang keine ausgearbeiteten Pläne für die Nachnutzung. Es gehe aber nicht um ein unkonkretes Lamentieren, so Vogeltanz, sondern um Kritik an verbarrikadierten Kunstinstitutionen, die seit Jahren ausschließlich mit „Vorzugsschülern“ nachbesetzt würden.

Peter Oswald, Leiter des steirischen herbst verwahrt sich hingegen vehement gegen den Vorwurf, das Festival sei zu einer „Mainstream-Veranstaltung“ degeneriert: „Die Grazer Szene interessiert mich heftigst. Ich finde aber diesen regionalistischen Standpunkt unerträglich. Wenn jemand ein starkes Stück hinlegt, werden wir das natürlich nehmen“, sagt Oswald in Richtung Wanko.

Graz, einst die „heimliche Hauptstadt der Literatur“, lebe seit Jahrzehnten von jenem trügerischen Glanz, dieses „Erbe wird aber nur würdig weitergetragen, Innovation ist keine mehr zu spüren“, meint der Me-dienkünstler Reinhard Braun.

In letzter Zeit, so der Tenor der kämpferischen Künstler, würden sich auch die Negativbescheide auf Subventionsansuchen stapeln. „Die Kultur wird gleich viel Geldmittel bekommen wie bisher“, widerspricht der Grazer Kulturstadtrat Siegfried Nagl, „aber Unzufriedenheiten wird es immer und überall geben.“

Wanko, von seinem Jugendheld Morak bitter enttäuscht, gibt sich jedenfalls kampfeslustig: „Wir brüllen jetzt heraus, dass wir da sind. Wir haben eine Urwut im Bauch.“

Wolfgang Paterno

erschienen in:
profil, 1.10.2001
www.profil.at

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